Indonesien
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Yogyakarta

Abschied von Bali. Wir sind viel zu früh am Flughafen. Vom Fenster der Boeing können wir noch einmal beide Strände sehen. Rechts Bingin-Beach, rechts Kuta-Seminyak. Dann brausen wir mitten durch und heben ab.

Weil Yogyakarta in einer anderen Zeitzone liegt, sind wir zehn Minuten später bereits da. Schon von oben haben Land und Stadt eine ganz andere Struktur, unserer zu Hause ähnlicher. Keine balinesischen Compounds sondern Straßen, Blöcke und Häuser. Es ist heiß aber weniger feucht. Es ist etwas mehr vom Fliegen zu spüren, wenn wir über eine Treppe aus dem Flugzeug steigen und zu Fuß über das Rollfeld zum Ausgang laufen.

Wir sind unentschieden in welcher der beiden Gegenden wir unser Gasthaus suchen sollen. Ein Pool gibt den Ausschlag und ein freundlicher Taxifahrer fährt uns in die jl prawirotaman. Die Fahrt geht 30 Minuten durch hässliche, nicht enden wollende Vorstadtbereiche. Jl prawirotaman sieht auch eher ländlich aus, trotzdem liegt ein Hotel am anderen. Hühner laufen auf der Straße, doch wo sind die Gäste? Es ist Samstag und unser Wunschhotel ist dann doch überraschend ausgebucht. Gleich haben wir einen hilfsbereiten Menschen an der Seite, der uns zum Metro-Guesthouse bringt. Auch hier gibt es einen Pool, allerdings gegenüber auf der anderen Straßenseite gelegen.

Nach dem Auspacken laufen wir Richtung Zentrum. Vier Kilometer sollen es bis dorthin sein. In den Hauptstraßen ist es sofort laut und voll. Und wir begegnen auch gleich sehr viel Armut. Besonders bei alten Menschen fallen fehlende Zähne und herunter gekommene Kleidung auf.

Sobald wir stehen bleiben und uns auf dem Stadtplan orientieren,  werden wir von Einheimischen angesprochen, die uns auf die besonderen Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt hinweisen.  Auch jeder Rikscha-Fahrer versucht bei uns sein Glück. Ich möchte aber gehen, um mir einen Überblick zu verschaffen, die Stadt und deren Struktur besser zu verstehen. Robert strengt der Verkehr und das permanente Angesprochen werden sehr an. Wir laufen durch die Gemäuer des Kraton und kommen zur Malioboro-Street, dem Zentrum und der zentralen Einkaufsstraße von Yogyakarta. Wir wollen das zweite Backpacker-Zentrum erkunden, den Bahnhof suchen, Fahrpläne studieren und in der Touristeninformation einen besseren Stadtplan ergattern. Die ganze Gegend um den Bahnhof ist laut und schmutzig. Dennoch sind wir hier mehr im Leben als auf Bali. Yogya ist eine Stadt und kein groß gewordenes Dorf wie Kuta. Als wir endlich die kleinen Gassen der Sosrowijayan Area erreichen wird es plötzlich ganz klein, still, friedlich und wunderschön. Die Wege sind so schmal, dass hier kein Auto fahren kann, selbst Mopeds müssen vorsichtig sein. Es gibt viele kleine Hotels, Buchläden, Restaurants, Travel-Agencies: Ein Backpackerparadies.
Wir machen uns auf den Heimweg, wollen eigentlich mit einer Rikscha fahren, scheitern aber an den Preisverhandlungen. Wir laufen weiter. Unterhalb der Vredeburg ist ein Straßenkarneval. Gruppen aus verschiedenen Ländern (auch Spanien) laufen an einer Tribüne vorbei, führen etwas vor und ziehen dann weiter. Wir sitzen etwas abseits auf dem Bürgersteig, sehen zu und ruhen uns aus. Es dämmert. Kaum haben wir uns zum Weiterlaufen entschieden, beginnt es zu regnen. In Sekunden sind wir nass bis auf die Knochen. Regenjacke und Plastiktüten zum Schutz von Player und Kamera liegen im Hotel. Es wird ein langer und sehr nasser Weg zurück.

Am Sonntag haben wir uns den Kraton und den Wasserpalast vorgenommen. Wir beginnen früh und werden von einem Menschen abgefasst, der behauptet, dass der Wasserpalast heute geschlossen sei. Er könne aber von der anderen Seite etwas zeigen. Wir folgen ihm. Überall zwischen den alten Mauern leben Menschen. Es gibt keinen Verkehr, beinahe hat man das Gefühl durch Open-Air-Wohnungen zu laufen. Robert wittert Abschlepperei, ich ergebe mich und tatsächlich will der Mann nichts von uns. Als wir die Runde schließen – sagt er nur, dass er auch eine Autovermietung habe, falls wir mal eines benötigen. Dann macht er sich auf dem Moped eilig davon. In diesem Moment öffnet der Wasserpalast. Es ist 8.30. Wir waren zu früh.

Im Palast eine indonesische Schulklasse, keine weißen Touristen. Wir erfahren, dass die Niederländer diesen Bau für den Sultan gebaut haben. Überhaupt haben wir gleich wieder einen Führer, einen bescheidenen Mann um die 40, der uns alles zeigt und erklärt: Der Wasserpalast diente der Erholung des Sultans. Hier war sein Harem, Räume zur Meditation, zum Entspannen, für den Sex mit den Konkubinen, eine Bibliothek und ein Puppentheater. Zwei große Pools gab es für die Konkubinen. Aus einem Turm heraus wählte der Sultan eine, indem er ihr eine Blume zuwarf. Dann trafen Sie sich in seinen privaten Gemächern oder in seinem privaten Pool. Die so gezeugten Kinder lebten bei ihren Müttern. Bei jedem Vollmond spielte der Sultan mit ihnen im Wasserpalast auf einem bestimmten Platz. Wie alles hier hat auch der Wasserpalast unter dem Erdbeben 2006 sehr gelitten. Wo früher der See war, stehen schon viele Jahre einfache Häuser, in denen die Bediensteten des Sultans leben. Einige davon sind eingestürzt, haben Menschen unter sich begraben, andere schwer beschädigt. Unser Führer ist Christ, spricht aber in jedem Raum, in dem der König anwesend war, ein paar Formeln, die ihm Glück bringen sollen. Er finde es in Ordnung, dass sein König Moslem sei, begleitet uns aber nicht in die unterirdische Moschee. Zum Ende unseres Rundgangs werden wir gefragt, ob wir nicht noch die Batikmanufaktur seiner Familie besuchen wollen. Sie seien sehr arm. Höflich bescheiden, ohne jeden Druck, vielleicht mit etwas Trauer als wir verneinen. Wir sind beide sehr beeindruckt.

Jetzt wollen wir erst einmal keinen weiteren Führer. Die Ohren haben Fransen, wir brauchen Entspannung. Wir gehen in den Sultanspalast. Nur Sonntags werden dort klassische Tänze aufgeführt. Wir hören die javanesische Gamelanmusik, die formaler, weniger lebendig voll und lebensfroh als die balinesische klingt. Schließlich beginnen die Tänze. Eine Soloperformance und zwei Doppel. Leider ist die englische Ansage so schwer zu verstehen, das wir nichts über den Inhalt erfahren. In beiden Doppel kommt aber ein Dolch zum Einsatz. Das Männerdoppel wird von zwei Brüdern getanzt (soviel habe ich verstanden), die beeindruckend präzise symmetrische Figuren tanzen. Bis in die kleinste Fingerbewegung. Nach dem Tanz lassen wir uns noch mit ein paar Studenten fotografieren und eilen durch das Museum, dass der Königshuldigung dient. Der Neunte Sultan hat gerne fotografiert. Seine Ausrüstung ist in Vitrinen ausgestellt. Unter anderem die komplette Fotolehre von Andreas Feininger (in Englisch) und Bände amerikanischer Fotokunstzeitschriften aus den Fünfzigern. Sehr nett.

Danach haben wir genug, gehen essen und laufen nach Hause. Eigentlich wollen wir den Bus kriegen, finden aber keine Haltestelle. ‚Helikopter‘ mit seiner Fahradrikscha (etwa Mitte 40, 2-3 Zähne, ziemlich gute Laune und flotte Sprüche) bringt uns die zweite Hälfte des Weges nach Hause. Jetzt ab in den Pool: Nun ist auch Robert glücklich!

Unser Tagesrhythmus kommt gut, passt zum Wetter, dem Licht und den Temperaturen: gegen 5:30 aufstehen (Muezzin um 4), 6 Uhr frühstücken, 7 Uhr los, 14-15 Uhr zurück, chillen, 17 Uhr Abendessen und gegen 20 Uhr ins Bett. Auch in Yogya regnet es meist ab nachmittags, während früh die Sonne scheint.
Sonntag früh wollen wir nach Prambanan. Hurra, wir kriegen endlich einen Bus, der uns zum Terminal fährt und finden den modernen Anschlussbus (Air-Condition). 30 Minuten später sind wir in Prambanan. Als wir noch etwas ratlos nach der zu laufenden Richtung schauen, werden wir von einer indonesischen Frau mittleren Alters angesprochen. Sie ist mit Mutter und Tochter unterwegs, wir haben sie schon im Bus gesehen. Sie fragt, ob wir sie nicht in der Pferdekutsche zum Eingang der Tempelanlage begleiten wollen. Auf dem Gelände angekommen werden wir freundlich verabschiedet und in Ruhe gelassen. Wieder sind wir beeindruckt von der Hilfsbereitschaft bei gleichzeitiger höflicher Distanz. Das hat Größe, Würde.

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Auf dem Prambanan-Gelände befinden sich beeindruckende hinduistische und buddhistische Tempel nahe beieinander. Alle haben jedoch stark (nach mühsamer Rekonstruktion) unter dem Erdbeben 2006 gelitten. So können wir den großen zentralen Shiva-Tempel mit seinen vier Kammern nicht betreten, aber von draußen bestaunen. Überall wird wieder aufgebaut. Die Arbeit ist mühsam. Steine müssen zugeordnet werden. Einige sind gebrochen, andere deformiert. Bald wird es voller, nur wenige Langnasen, viele Schulklassen. Nach dem Mittagessen und einem Rundgang durchs Museum gibt es einen weiteren audiovisuellen Höhepunkt: Ein 25-minütiger Film erklärt wie moderne Industrie die Harmonie und Schönheit zerstört. Zwei lebenswichtige Prinzipien, nach denen diese Tempelanlagen aufgebaut worden sind und durch den Lebensbaum dargestellt werden. Wir hören endlich die ganze Geschichte von Rama (eine Manifestation Brahmas) und Sita, die auf Friesen der Tempelanlagen erzählt wird und können jetzt das groteske Tanztheater von Uluwatu besser verstehen. Anschließend fahren wir nach Hause. Robert freut sich auf den Pool.

Wenn Ihr mehr über Prambanan, einen der bedeutendsten hinduistischen Tempel auf Java erfahren wollt, fragt Wikipedia und klickt hier…

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