Indonesien
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Borobudur

aktuell: aufgrund der Merapi-Asche ist Borobudur gefährdet und geschlossen. Wir sind besonders dankbar die Pilgerstätte noch erlebt haben zu dürfen. Informationen zum derzeitigen Zustand findet ihr bei folgenden Links:

tagesschau, Spiegel (gute Bilder)

Am Sonntag können wir in unserem Wunschhotel, Princess Manohara, in Borobudur anreisen. Die Busfahrt von Yogyakarta ist mit 90 Minuten entspannt. Wenige Kilometer vor unserem Ziel beginnt der nachmittägliche Regen. Der Wind ist richtig kalt. An der Haltestelle schüttet es. Erst widerstehen wir dem Angebot zweier Rikscha-Fahrer uns und unser Gepäck transportieren zu lassen. Zu unserem Glück geben wir nach: Der Weg ist weiter als angenommen und so kommen wir trocken ins Hotel.

Princess Manohara liegt auf dem Tempelgelände. So können wir zwischen 6 und 17 Uhr jederzeit aufs Gelände gehen, zwischendurch im Hotel essen und den Regen abwarten. Eine gute Wahl, die wir jedem von Euch empfehlen, der einmal diesen Ort besuchen möchte. Es ist schön, abends nicht ’nach Hause‘ gehen zu müssen, sondern der Anlage räumlich und emotional nahe bleiben zu können. In der Woche und um diese Jahreszeit ist Borobudur nicht überlaufen. Dennoch geht es gegen 6 Uhr mit den Touristenbussen los. Überwiegend einheimische Touristen, wenige Business-Gruppen und ab und zu ein paar Langnasen.

 Die Hotelanlage ist großzügig und weitläufig im Park angelegt. Dabei sind alle Wege überdacht und so kommen wir auch bei heftigem Tropenregen trocken von unserem Zimmer zur Rezeption, ins Café oder Restaurant. Unser kleines Appartement hat einen schönen Holzschreibtisch, nette Accessoires wie Streichhölzer, zwei Kerzen, einen Wasserkocher, Tassen, Nähset, Duschhaube und – Hotelbriefpapier… (Habe ich lange nicht mehr gesehen, zu Internet-Zeiten auch beinahe obsolet – aber schön).

Langsam erarbeiten wir uns das Denkmal, das aus der Vogelperspektive ein riesiges Mandala darstellt. (wenn ihr mehr über Mandalas wissen wollt, klickt hier…)  Ein Bildband mit ausführlichen Texten liegt im Zimmer, zu unterschiedlichen Tageszeiten und langsam von unten nach oben – immer links herum – besteigen wir Borobudur. Gut 1000 Jahre alt war hier für etwa 150 Jahre die bedeutendste buddhistische Pilgerstätte der Welt. Aus vielen Ländern haben sich Menschen auf die weite Reise gemacht und langsam den Berg bestiegen.

Das Bauwerk besteht aus mehreren Galerien, die man im Uhrzeigersinn durchwandert und sich in die Friese vertieft. Vier Aufgänge hat Borobudur. Der östliche ist der Eingang, nach Süden, Westen und Norden die Abgänge vom Berg. Wir lesen, dass die Bedeutung und die Kunstfertigkeit, die in diesen Friesen steckt, lange unterschätzt und von der Eindrücklichkeit der Anlage überdeckt worden ist. Wahrscheinlich aus Stabilitätsgründen sind die untersten Friese von einer breiten Plattform verdeckt worden und heute nicht mehr sichtbar.  Der Pilger beginnt in der ersten Galerie, die vier Friese enthält, umwandert sie viermal jedesmal in Betrachtung in eine dieser Geschichten vertieft. Der erste erzählt die Lebensgeschichte Buddha’s, die anderen drei Geschichten aus früheren Inkarnationen Buddhas. Auf den folgenden drei Galerien geht es darum, selbst immer mehr zum Buddha zu werden. Die Galerien sind so beschaffen, dass sie vollständige Konzentration ermöglichen. Weder die Welt draußen, noch die höheren Galerien sind sichtbar. Heute klafft allerdings die eine oder andere Lücke, weil Steine fehlen.

Auf den folgenden drei Galerien, alle rechteckig, gibt es jeweils zwei Friese. Hier dreht der Pilger also zwei Runden, bevor er weiter aufsteigt. Er betrachtet die Bilder und meditiert über sein Leben.  Von oben wird er von meditierenden Buddha-Figuren begleitet, die eine unglaubliche Ruhe und Frieden ausstrahlen. Je höher der Pilger kommt, desto schmaler werden die Galerien und desto näher kommen ihm die Buddha-Figuren.

Auf der Westseite, also dem Eingang gegenüber, sind viele der auf den Friesen abgebildeten Buddhas weiblich, haben einen deutlichen Busen.  Darüber hatte ich bisher noch nicht gelesen.

Nachdem alle vier Galerien umlaufen worden sind, kommt der Pilger in einen Bereich mit 72 Stupas, die in drei Ebenen kreisförmig angeordnet sind. 32 in der ersten, dann 24 und 16. In jeder der Stupas meditiert ein Buddha. Im Zentrum der Anlage befindet sich dann eine übergroße Stupa. Sie ist leer und repräsentiert das Nirvana. Jede der drei Ebenen wird vom Pilger dreimal im Uhrzeigersinn umrundet. Der Bereich mit den Stupas hat keine Bilder mehr.

Der Pilger hat keinen Kontakt zu seinen vorherigen Gedanken und Meditationen, er kann auch keinen Blick in die Welt werfen. Nur nach oben, zum Himmel gibt es jetzt eine große Weite und Öffnung, die in den Gängen vorher nicht so zu spüren ist. Und er geht im Kreis. Himmelsrichtungen haben keine Bedeutung mehr, ist umgeben von meditierenden Buddhas, jeder für sich abgeschieden unter seiner Stupa. Wir hören in einem Film, dass der Wechsel von rautenförmigen zu quadratischen Durchbrüchen in den Stupas für wachsende Harmonie und Ausgeglichenheit steht.

Irgendwann jedoch steigt der Pilger wieder herab. Mit seinen spirituellen Erfahrungen kehrt er in die Welt zurück und lebt sein Leben – vielleicht verändert – weiter.

Wie gesagt, wir sind oft auf dem Berg und lassen uns immer wieder von der Kraft und dem Frieden in dieser Anlage beeindrucken. Ein Frieden, der in den Bildern und im Bauwerk lebt, nicht in den Touristenscharen, die oft nicht einmal eine Runde drehen, sondern die Treppen ins Innere hinauf keuchen, um sich auf einer der Stupas fotografieren zu lassen. Beeindruckend auch das wechselnde Licht, gelb-gold am Morgen, weiß und hart gegen zehn, blau-grau bei Regen und in der Abenddämmerung. Das Licht färbt die Stimmung, moduliert die Figuren und Reliefs. Regen färbt den Sandstein dunkel. Als wir im Dunkel die Anlage umrunden und die knapp 500 Buddha-Skulpturen nach und nach in innerer und äußerer Versenkung entschwinden, sind wir wieder dankbar für unsere Entscheidung uns hier drei Tage Zeit zu lassen.

Oft sehen wir den Merapi in der Ferne, wie er lange Rauchschwaden ausspuckt. Noch steht er vor seinem verheerenden Ausbruch. An einem Tag werden wir im Bereich der Stupas von unzähligen einheimischen Schülergruppen überfallen und interviewt, mit dem Ziel ein Bild mit uns zu ergattern. So verscheucht uns nicht nur die Hitze aus dem Nirvana…

Ich entscheide zumindest die Buddha-Figuren, die noch Köpfe haben zu porträtieren. Von den in alle vier Himmelsrichtungen schauenden Buddhas haben sehr viele den Kopf verloren. Das wirkt eigenartig, assoziiert Gewalt. Die natürliche Sicht des Pilgers ist die Untersicht. Der Abstand wird aber geringer, je höher der Pilger kommt.

Wenn ihr mehr über Borobudur erfahren wollt, könnt ihr hier klicken…

Wir leihen uns erstmals Räder und besuchen den viel kleineren Mendut-Tempel. 3,5 km von Borobudur entfernt bildet er den Anfang der Pilgerreise. Auf seinen Friesen spiegeln Fabeln Lebensweisheiten. In seinem Inneren ein knapp 4 Meter hoher Buddha. Er sitzt auf seinem Kissen, wie auf einem Stuhl. ‚Europäisch‘ wird diese selten dargestellte Sitzhaltung genannt. Vor dem Tempel steht ein riesiger Baum, unter dem Kinder Fußball spielen. Er ist so riesig, das ein kleines Dorf darunter feiern könnte.

Wir kehren nicht gleich ins Hotel zurück sondern nutzen die Räder, um das Dorf Borobudur kennenzulernen. Gleich fahren wir zwischen Reisfeldern, kleine Straßen mit noch kleineren Homestays, Schule, Kindergarten. Überall werden wir von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Alten mit freundlichem Lachen und ‚Hallo‘ begrüßt. So viele Touristen der Tempel auch täglich sehen mag, 500 Meter weiter gibt es wohl selten Besuch.

Am Mittwoch fahren wir zurück nach Jogja. Unser kleines zu Hause in der Mitte von Java. Wir bleiben wieder im Prambanan-Guesthouse und essen im ViaVia. Es ist ein angenehmes Gefühl sich auszukennen, kein Neuland erobern zu müssen, keine Wege, Plätze zum Schlafen und zum Essen suchen zu müssen.

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