Kambodscha
Schreibe einen Kommentar

Kampot (22.-27.11.10)

Bereits um sieben Uhr geht unser Bus von Sihanoukville nach Kampot. Gut zwei Stunden später sind wir da. Die kleine Stadt empfängt uns mit Sonnenschein und einer frischen Brise. Es ist angenehm (vergleichsweise) kühl.

Wir mieten uns im Little Garden Guesthouse ein, direkt am Fluss, der die Stadt bestimmt. Wir nehmen ein Zimmer mit Fan. Das Hotel ist recht leer. Auf unserer Etage wohnt noch eine belgische Frau um die fünfzig, die wohl hier ihren Winter verbringt. Gemeinsam haben wir einen riesigen Balkon, von dem wir auf den Fluss und auf die Elefantenberge blicken können. Nachdem wir uns eingerichtet haben, orientieren wir uns in der Stadt: Am Fluss gibt es eine Promenade, viele kleine Häuser aus der Kolonialzeit, saniert oder doch wenigstens gepflegt. Die Stadt ist wesentlich ruhiger als Sihanoukville, es gibt fast keinen sichtbaren Biertourismus und selbstgefällige Backpacker, die hier nur Sonne, Alkohol und sich selbst konsumieren wollen, gibt es auch nicht. Auf dem Boulevard in der Ortsmitte sehen wir abends eine Gruppe Frauen in öffentlicher Gymnastik. Aerobic möchte man das nicht nennen, aber es geht mit Musik und wird von einem Mann geleitet. Kinder spielen, die Sonne geht langsam über dem Fluss unter: friedlich. Ich fühle mich sofort wohl. In dieser kleinen Stadt entsteht auch zum ersten Mal ernsthaft der Gedanke für eine Zeit in diesem Land leben zu wollen.

Am Dienstag mieten wir Fahrräder, beginnen unsere Tour gleich über die alte Brücke vor unserem Guesthouse und schlagen uns dann noch Norden den Fluss entlang. Auch hier ganz viel Frieden, freundliche Menschen und wunderbare Landschaft. Die Erde ist noch roter als in Sihanoukville. Nach einigen Kilometern biegen wir spontan rechts unter einem Klostertor in eine Siedlung. Kein Asphalt mehr. Rote Erde ist der Weg. Überall Leben, Holzhäuser in der üblichen Khmer-Bauweise auf Stelzen. Arme und ärmere Menschen, Geschäfte, Benzin wie überall im Land in Cola- oder Wodkaflaschen (die Flasche gilt als Maß). Ein paar Hunde, eine kleine Hütte, ein Friseursalon mit einem Stuhl, in dem ein paar Jugendliche ‚Hütchen‘ spielen. Ich bin zutiefst angetan von der Schönheit dieser Siedlung und ihrer Menschen, möchte das für mich bewahren und bringe es doch nicht fertig in diesen Minuten die Kamera zwischen mich und das Erleben zu stellen. Wir fahren weiter und gelangen zu einem Kloster. Schulkinder kommen uns entgegen, die Schule liegt gleich nebenan. Es ist kurz vor 12. Das Kloster scheint ausgestorben, die Mönche essen. Das Gelände ist riesig. Der Prunk, wenn auch kein echtes Gold, steht im Kontrast zu den armen Häusern der Menschen im Dorf. Schönheit findet sich hier in zwei Bäumen und den Buddhas davor. Wir bleiben viel länger als geplant, denn es fängt furchtbar an zu schütten. Wie schon in Indonesien dauert die Regenzeit auch hier mehr als einen Monat länger denn üblich. Als es aufhört, setzen wir unseren Weg hinter dem Kloster fort, finden den Fluss wieder und ein paar einsame Wohnstätten. Als der Weg keine Zukunft hat, kehren wir um. Auf dem Rückweg macht Robert ein paar Bilder in der Siedlung vom fahrenden Rad. Es ist noch Zeit, wir fahren weiter nach Norden, kommen am Zoo und einer großen eingezäunten Siedlung vorbei. Ein chinesischer Konzern baut ein paar Kilometer weiter oben ein Wasserkraftwerk, hier wohnen die Angestellten. Mehrstöckige Häuser aus Stein, keine Stelzen, kein Holz… ein Zaun und ein Wachdienst.

An einer Straßensperre müssen wir Eintritt zahlen. Einen Dollar pro Person. Wir wissen noch gar nicht wofür, tun es aber. Wir kommen zu den Stromschnellen, einer Flusslandschaft, die an Wochenenden und Feiertagen den Einheimischen zum Baden und Erholen dient. Jetzt ist es leer, nur die Händler bieten Essen und Getränke. Die Straße endet am Staudammprojekt. Zwei von vier Staustufen sind schon fertig, eine Turbine läuft schon. Auf 44 Jahre ist dieses Projekt angelegt. Vier Jahre bauen die Chinesen, für 40 weitere Jahre dürfen sie hier Strom produzieren und verkaufen. Gut oder schlecht? Umweltschützer kritisieren die Veränderungen am Flusslauf. Andererseits muss für diesen Strom kein Erdöl verbrannt werden und radioaktiver Abfall entsteht auch nicht. Es gibt in Kambodscha wenig eigene Investitionen. Das Land, die Kambodschaner haben einfach kein Geld: Koreaner, Chinesen sind die wesentlichen Investoren für Großprojekte, aber auch fast jedes Resort, jedes Café, jede Bar steht unter ‚westlicher‘ Leitung. Wenn sich hier etwas entwickeln soll, und die Gesellschaft hier hat viel Drive und will, dann braucht es Kapital. Damit kommt aber wieder Einfluss und Fremdbestimmung. Gut und schlecht.

Wir kehren um und fahren die 15km zurück nach Kampot, suchen noch das Ganesha DJ-Feeds Resort, das aber so versteckt liegt, dass wir aufgeben. Wir haben fast den ganzen Tag nichts gegessen, sind 40 km Fahrrad gefahren und wollen jetzt unbedingt essen. In den Siedlungen, durch die wir fahren, sitzen die Leute vor den Fernsehen. Wahlen? Es ist Dienstag. Bilder von Toten sind zu sehen. Dazwischen offizielle Reden. Ein ‚Rote Khmer Prozess‘? Alle schauen gebannt zu und wirken betroffen. Abends lese ich in der Phnom Penh Post von der Massenpanik zum Ende des Wasserfestes auf einer Brücke der Hauptstadt. 400 Menschen sind gestorben. Das Schlimmste seit Pol Pot titelt die Zeitung. Wir trauern mit den Menschen hier. Es hat die Ärmsten getroffen. Als die Panik ausbricht, um 1 Uhr nachts sind nur noch die unterwegs, die sich zwar die Busfahrkarte nach Phnom Penh, aber keine Unterkunft leisten konnten. Knapp vier Millionen zusätzliche Besucher hatte die Hauptstadt zum Wasserfest. ‚Jasmine‘, verheiratet mit einem Amerikaner, eine Dame mit ‚Gala‘-Logorhoe, meint: ‚zum Glück keine Westler‘. Jasmine ist Kambodschanerin. Wir können ihr Glück nicht teilen.

Mittwoch wollen wir Bokor Station Hill besuchen. In den 1920er Jahren haben die Franzosen in gut 1000 Metern Höhe auf den Elefantenbergen eine kleine Stadt erbaut. Mit Hotels, Kasino, Kirche und Unterkünften für die kambodschanischen Bediensteten, ein luxuriöser und kühler Erholungsort in der heißen Jahreszeit. Schon 1940 wurde die Anlage zum ersten Mal aufgegeben, als die Japaner im 2.Weltkrieg das Land besetzten. Nach der Unabhängigkeit von Frankreich, zwischen 1960 und 1970 erlangt Kambodscha eine kurze Blüte mit florierendem Tourismus und auch Bokor Mountain Station Hill lebt wieder auf, bis Bürgerkrieg und Rote Khmer alles zum Erliegen bringen. Historisch ist der Ort bedeutend, weil hier eine der letzten Schlachten zwischen den roten Khmer und den Vietnamesen stattgefunden hat. (mehr zur Geschichte Kambodschas hier klicken…) Früh werden wir vom Hotel abgeholt und zum Eingang des Nationalparks gefahren. Hier steigen wir auf die Ladefläche eines LKW um, an den Rändern sind Bohlen als Bänke. Es wird voll. Unser junger Guide, Bunai, erklärt, wir hätten keine Wahl. Es gäbe nur diesen einen Weg auf den Berg. Seit zwei Jahren baut ein chinesisch-kambodschanischer Konzern ein neues Luxusresort auf Bokor Mountain. Sie haben den Berg und den Nationalpark langfristig gepachtet, sprengen seither für eine neue Straße. Nachdem der Berg eine Zeit für Touristen überhaupt nicht mehr zugänglich war, dürfen die Ranger jetzt Gäste in ihren eigenen Autos transportieren. Und das sind eben ein LKW und ein PickUp. Die NGOs, die die Ranger bis 2007 finanzierten, haben ihre Arbeit eingestellt, nachdem kein schützenswertes Tier mehr in diesem fast 40 Jahre ungestörten Rückzugsgebiet mehr verblieben ist. Wir müssen uns ganz nach den Bedingungen des Sokha-Konzerns richten, dem auch schon ein ganzer Strand in Sihanoukville und der Angkor-Park gehört. Eine knappe Stunde werden wir gefahren, dann müssen wir 90 Minuten durch den Urwald bergauf trecken, um die Sprengungen zu umgehen, anschließend noch einmal eine knappe Stunde Fahrt. In den Pausen erzählt Bunai Witze, die lang genug sind, damit auch der am meisten Schnaufende wieder zu Atem kommt. Oder er klärt uns über die Geschichte seines Landes auf. Natürlich bekommen auch die Franzosen ihr Fett weg. Bunai meint, ob die Erzählungen jemanden erschrecken oder vor den Kopf stoßen würden. ‚If it is like that I can change History for you‘. Die Ironie ist deutlich und auch angebracht, weil ein frankophoner Reisender ständig laut dazwischen redet. Oben angekommen erfahren wir dann noch etwas mehr über die Zeit der roten Khmer. Kein Kambodschaner, sagt er, könne diese Zeit vergessen. Seine Augen werden kurz matt. Wir wissen und müssen ebenfalls schlucken. Nach dem Lunch vor dem ehemaligen Bokor Palace Hotel brechen wir alleine zur Besichtigung auf. Uns bleibt nur eine knappe Stunde hier oben, bevor die gleiche Prozedur ‚Lasterladefläche – laufen – fahren‘ uns wieder an den Fuß des Berges bringt. Beim letzten Stopp singt Bunai einen Pop-Song. Ein altes Lied. A capella. Vor 1970 war kambodschanischer Pop sehr berühmt. Auch die Sänger und Bands wurden von den roten Khmer ermordet. (‚Unneeded Person‘). Gegen 16 Uhr sind wir zurück in Kampot. Im Preis inbegriffen ist noch eine Sunset-Bootsfahrt auf dem Fluss. Ich will erst gar nicht, aber die Tour ist wunderschön und unser Bootsmann hat dieses wunderschöne Lächeln. In der Dämmerung fahren wir mit den Fischern hinaus. Zu fünf oder mehr täuen sie ihre Boote parallel und fahren gemeinsam auf dem breiten Fluss zum Meer, wo sie in der Nacht fischen werden. Die Fischer von Kampot sind Moslems, meist ethnische Vietnamesen, und sie sind die Ärmsten hier. Auf Fishing-Island sehen wir dann auch einen prunkvollen Moschee-Neubau. Plötzlich stoppt unser Boot: Eine Herde Wasserbüffel überquert den Fluss, der hier bestimmt einige hundert Meter breit ist. Auf der Rückfahrt erleben wir den versprochenen Sonnenuntergang. Glücklich und satt kommen wir im Hotel an.

Den Donnerstag verbringen Robert und ich mit Schreiben und Gesprächen (das muss auch mal sein – off the records), Abends kaufen wir etwas neue Musik für den IPod – asiatische Kopien versteht sich – und treffen unseren Hotelmanager. Weit vom Hotel hat er in dieser Straße ein Bar. Das ist ein Bretterverschlag, ein Kühlschrank Flaschen. Wenn er um 18 Uhr im Hotel aufhört, fängt er hier an. 16-18 Stunden Arbeit kommen so sicher zusammen. Sicher, hier wird nicht schnell gearbeitet, dafür aber lange und jeden Tag. Die Bedienung unseres Restaurants ist morgens ab 6 zum Früstück da. Das Lokal schließt gegen 22 Uhr. Montag bis Freitag. Denn Samstags und Sonntags studiert er an der polytechnischen Universität. Von 7 – 21 Uhr, Sonntags nur bis 16 Uhr. Nach dem Dinner trinken wir ein Bier in einem Lokal, das gerade drei Tage geöffnet ist und das Bunai uns empfohlen hat. Sein ‚Godbrother‘ hängt mit drin und er hilft aus. Das Konzept: Gutes kambodschanisches Essen zu fairen Preisen, relaxte Musik am frühen, Tanzmusik am späteren Abend. Und von Khmer gemacht. Denn von den geschätzten 20 Lokalen direkt am Fluss werden etwa 18 von Westlern geleitet und gemanaged. Hollander, Franzosen, Australier, Amerikaner, Briten, ein Deutscher… Wir fühlen uns sofort wohl, das Essen ist fantastisch, und so verbringen wir hier unsere letzten drei Abende in Kampot.

Wir sind schon viel länger hier als geplant, aber das Städtchen ist so relaxt und zauberhaft, dass wir immer wieder einen Tag länger bleiben. Freitag gebe ich mir endlich einen Ruck und leihe ein Moto. Ganz Asien fährt Moto und Thomas und Robert trauen sich nicht. Leerer als in Kampot werden die Straßen aber nie sein, also los. Eigentlich möchte ich Robert nicht mit drauf haben, möchte dass er ein eigenes leiht, der traut sich aber noch nicht. Von vier misstrauischen weiblichen Augen verfolgt schlingere ich meine erste Proberunde und dann gehts los. Es macht einen Heidenspaß, auch wenn der kaum vorhandene Verkehr schon meine ganze Aufmerksamkeit fordert. Wir fahren 40 km nach Kep, einem alten Badeort am Meer, der heute immer noch schläft. Die Landschaft ist wunderschön. Weil Kep uns nicht hält, fahren wir weiter und suchen eine Pfefferplantage. Die asphaltierten Wege müssen wir dazu verlassen, es geht über rote Erde und satte grüne Berge, und weil hier wirklich gar nichts fährt, will Robert auch mal an den Lenker. Ich habe Mühe wieder fahren zu dürfen, so viel Spaß macht es auch Robert und so leicht ist es eigentlich.

Pfeffer ist eine Kletterpflanze, die ähnlich den heimischen Bohnen an Holzstangen wächst. Schwarzer, weißer, roter und grüner Pfeffer sind die Beeren ein und derselben Pflanze. Lediglich Reifegrad und Weiterverarbeitung unterscheiden sich. Vor 1970 hat Kambodscha 8000 Tonnen Pfeffer produziert. Kampot-Pfeffer ist einer der weltbesten. Als ‚unneeded‘ oder vielleicht zu bourgoises Gewürz wurde der Pfefferanbau von den Roten Khmer verfolgt. Pfefferplantagen wurden zu Reisfeldern. Pflege der Böden und Pflanzen ist sehr aufwendig, heute werden erst wieder 1700 Tonnen im Jahr hergestellt. In einem kleinen Garten bekommen wir Pflanze und Beeren gezeigt und können ein paar grüne direkt vom Strauch testen. Zum Dank kaufen wir ein Pfund des weltbesten Pfeffers und überlegen jetzt, wie wir den nach Berlin bekommen.

Wir haben Hunger und finden am Ortsausgang von Kep eine Bäckerei. Die Besitzerin ist Deutsche und seit knapp zwei Jahren hier im Land. Sie erzählt uns, dass es leicht sei hier ein Geschäft aufzumachen. Nicht immer leicht auch davon zu leben. Wenn wir vergleichen, was einige Kambodschaner hier verdienen ($80-100 monatlich) und was Touristen hier bezahlen ($20-300 Nacht) dann kann es jedoch auch nicht so schwer sein. Was in diesem korrupten Staat allerdings in Schmiergelder investiert werden muss, wissen wir auch nicht.

Glücklich auf eigene Faust unterwegs gewesen und einen Roller gefahren zu sein, kehren wir in unser Lieblings-Khmer-Lokal ein. Ein älterer Spanier und eine Freundin – die Dame, die in unserem Hotel wohnt – feiern dort heute Abschied. Es wird getrunken und getanzt, geflirtet und wieder getrunken. Ein kleines zu Hause unterwegs. Wir haben viel Spaß und obwohl wir schon um halb zwei zu Hause sind, pflegen wir am Samstag ein paar schnurrende Plüschtiere…

Am Nachmittag sind wir dann so weit, dass wir wieder aufs Rad können. Für unsere letzte Tour haben wir uns ‚Fishing-Island‘ vorgenommen, eine dreieckige Insel, die vom sich teilenden Fluss und dem Meer begrenzt wird. Hier leben die Fischer, und in großen Erdbecken wird in der Trockenzeit Salz gewonnen. So nah am Meer führt der Fluss salziges Wasser. Die bis zur Mitte ebene Insel ist spärlich besiedelt. Neben Fischerei und Salzgewinnung sehen wir Reisfelder, ein paar Rinder und Wasserbüffel. Das leuchtende Grün der Felder bildet einen wunderschönen lebendigen Kontrast zur roten Erde. Gerade jetzt, bevor etwas Regen aufzieht und der Himmel grau wird…

Die Menschen sind ärmer gekleidet als in der Stadt, die Häuser viel einfacher als in den Dörfern im Norden. Als die Wege immer schmaler und unwegsamer werden, kehren wir um, machen kurz Rast in einem Kloster direkt am Fluss. Von einem Pavillon am Wasser haben Mönche und Besucher einen herrlichen Blick auf den Fluss und das Elefantengebirge. Morgen fahren wir für ein paar Tage zurück nach Sihanoukville, bevor wir nach Siem Reap aufbrechen. Wieder ist aus drei geplanten Tagen eine ganze Woche geworden. Wir sind sehr gern in diesem Land.

Link: Absolut lesenswert, der englischsprachige Survivalguide für Kampot spricht für Besucher über Asien. Lest das Lexikon der Begriffe…

Kampot Survival Guide

Link: Der Kampot Pfeffer – Babettes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

*

code