Kambodscha
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Phnom Penh

Phnom Penh erreichen wir auf dem Wasser. Als erstes Wahrzeichen erscheint der Neubau einer großen Moschee am Nordrand der Stadt. Wir erwarten Phnom Penh auf der rechten Seite des Flusses, doch auch links wird gebaut. Ein riesiges Areal an der Tonlemündung ist in Mauern gefasst, Kräne verraten eine Großbaustelle.

Auch dieses Filet-Grundstück bebaut der Sokha-Konzern, lesen wir auf einem Banner. Wir hatten unser Hotel bereits gebucht, etwas abseits vom Backpackerzentrum, das sich vom ebenfalls privatisierten See mehr an den Fluss verlagert hat. Ein Tuk-Tuk bringt uns dorthin. Die Entfernungen in Phnom Penh sind nicht sehr groß. Die ein bis zwei Kilometer, die wir vom Zentrum zu unserem Hotel laufen müssen sind aber eintönig entlang großer Straßen. Fußgängerbereiche gibt es abseits der Promenade am Fluss kaum, dafür werden allenthalben Parkplätze gebaut. Und Hochhäuser. Phnom Penh bekommt seine drei ersten Wolkenkratzer. Noch sind sie nicht fertig, wirken roh und seltsam fremd im Stadtbild, das von 2-3 geschossigen Bauten und schachbrettartig angeordneten Straßenzügen geprägt ist. Typisch für französische Stadtplanung der Kolonialzeit lesen wir. Unser Hotel hat chinesischen Stil. Schmucklos, sauber, billig. Die Wände unseres Zimmers sind gekachelt. Die Gegend ist eher rau. Ein paar Baustellen, eine Sicherheitsfirma, keine Cafés oder Restaurants. Einen Block weiter ist die deutsche Botschaft. Wir gehen downtown, fließen mit dem Verkehr und erleben die nicht enden wollenden Straßenzüge. Wirklich überall wird gebaut.

Zum Frühstücken setzen wir uns in das Café des Centre Culturel Francais. Ein luftiges teilweise überdachtes Gartencafé, dessen Erlöse der Arbeit mit Straßenkindern zu Gute kommt. Hier bestellen wir in Französisch, denn selbst die kambodschanischen Angestellten reagieren mit einem fragenden ‚Pardon?‘ auf einen englischen Versuch. Es gibt Café au lait und Pain au Chocolat. Beide schmecken echt. Die Franzosen verstehen es leicht und luftig zu bauen und auch ohne stromfressende Klimaanlagen eine angenehme schattig kühle Atmosphäre zu schaffen. Zur Straße hin befindet sich die Bibliothek und eine Galerie mit zeitgenössischer französischer (vorne) und kambodschanischer (hinten) Fotografie. Ich fühle mich sofort wohl in der urbanen und Kultur versprechenden Atmosphäre. Robert fremdelt. Die Ausstellung ist Teil eines lokalen Events, ‚Phnom Penh Photo 2010‘. Wieder bin ich ein paar Tage zu spät für Vorträge und Diskussionen, die am vergangenen Wochenende in der Kunsthochschule gehalten worden sind. Aber einige Ausstellungen können wir noch sehen und das Programm lenkt dann auch unsere weiteren Schritte durch die Stadt.  (Mehr zum Phnom Penh Photofestival, hier klicken…)

Den Mittag verbringen wir im Nationalmuseum, um einige der Originale zu sehen, die in Angkor durch Repliken ersetzt worden sind. Kleinere Tempelfunde aus Gold, Silber sehen wir nur hier.

Als touristisches Muss schließen wir den Königspalast und die Silberpagode an. Es ist nicht viel, was wir hier sehen können. Aber wir erfahren, warum im Thronsaal nur noch ein Stuhl steht. Auf diesem Stuhl hält der König Audienz. ‚Früher standen dort zwei Stühle, für den König und die Königin. Unser König ist aber nicht verheiratet. Er ist 55 und nicht verheiratet‘ sagt der Guide. Eine Besucherin hakt nach: ‚Warum ist der König nicht verheiratet?‘ ‚Wissen Sie‘ lautet die Antwort, ‚bevor er gekrönt wurde, hat unser König fast sein ganzes Leben in Paris verbracht und er liebt das Ballett…‘ (fragende Blicke der Besucherin) ‚Verstehen Sie doch‘, wiederholt der Guide, ‚er liebt Ballett!!!‘ Danach führt er aus, dass es aber gar nicht schlimm sei, dass der König keine Nachkommen habe. In Kambodscha wird der König nicht durch Erbfolge sondern durch Beschluss des Thronrates bestimmt.‘ Feixend verlassen Robert und ich das Gelände: ‚Ballett…‘

Am kommenden Morgen laufen wir in das Tuol Sleng-Museum, der heutigen Gedenkstätte des Internierungslager S-21 der roten Khmer. Nur wenige Tage nachdem sie Phnom Penh 1975 eingenommen hatten, befahlen die roten Khmer die Evakuierung der Hauptstadt. Intelligenz, Bildung, Kultur, Kommerz und Finanzwelt waren die Feindbilder ihrer rohen kommunistischen Vorstellungen. Vernichtung durch Arbeit betraf all jene Menschen, die dazu weder ausgebildet noch körperlich geeignet auf dem Feld Zwangsarbeit leisten mussten. Diese Schule wurde zu einem KZ, einem Gefängnis, einer Verhöranstalt, in der absurde Geständnisse mit den üblichen Foltermethoden erpresst wurden (sie sind wirklich nirgendwo auf der Welt schlimmer oder besser, nicht in Sachsenhausen, in Phnom Penh, Guatanamo…). Anschließend kamen die Geständigen in Transporten zu den Killing Fields am Rande der Stadt, um ermordet zu werden. Auch hier herrschte die Ökonomie des Tötens, die wir aus Deutschland und vielen anderen Kriegen kennen: Da Munition zu teuer war, wurden viele einfach mit dem Hammer erschlagen, Babys gegen Baumstämme geworfen, um dann in Massengräbern zu landen.

Ich gehe langsam durch diese Gedenkstätte. Ich wollte wissen wie Kambodscha mit seiner Geschichte umgeht, aus einem Land kommend, das selber eine Genozid-Geschichte hat. Mich interessiert wie Gedenken inszeniert wird.

Die Schule besteht aus vier Riegeln einfacher dreigeschossiger Bauten. Wir sehen viele baugleiche in Phnom Penh und erinnern sie aus anderen kambodschanischen Städten. Nach diesem Tag wird jede dieser Schulen tiefe Beklemmung in uns auslösen.

Robert und ich gehen getrennt. Wir müssen alleine sein, um all das, was wir sehen und erfahren in uns zu verarbeiten. Ich komme an einer Führung vorbei und schließe mich an. Eine kleine Gruppe. Wir sehen die unterschiedlichen Zellentypen, erfahren etwas über die Haftbedingungen, die allmorgendlichen Transporte, Willkür und Gewalt der Folterer. Furchtbar. So furchtbar wie Menschen sein können. Hier und vermutlich überall auf der Welt. Ich war mir schon sicher, jetzt wird es anschaulich, erlebbar: Nicht Hitler, nicht Pol Pot – diese Grausamkeit ist universell. Sie ist vermutlich in den meisten von uns angelegt. Wir können sie entwickeln, wenn wir Angst haben, Macht spüren und tödliche Gewalt ausüben dürfen ohne das unsere Handlungen bestraft werden. Stellen wir uns dem. Aus Deutschland wissen wir, dass viele Opfer auch Täter waren. Es ist in uns. Für den kleinen Vorteil, das etwas bessere Essen, den Tag länger leben… Es ist gefährlich.

Was uns die Tränen in die Augen treibt sind die Bilder der Opfer. Oh Fotografie! Alle Inhaftierten wurden fotografiert. Scharf. Realistisch. Von vorne und von der Seite. Um sie bei Flucht besser identifizieren zu können, sagt unser Führer. Die Porträtierten haben Nummern angeheftet. Oft nur zweistellig wiederholen sie sich immer wieder. Die Schultern der Männer zeigen, dass Ihre Hände auf dem Rücken zusammen gebunden sind. Manche haben eine Schlinge um den Hals. Manche Männer haben ein seltsames Tuch um den Hals geknotet vor der Brust. Es sieht aus wie ein Stück Vorhang. Es ist immer wieder das gleiche Tuch. Nach einigen solcher Bilder wird klar, diese Männer haben keine Oberbekleidung und ihre Haut soll nicht gezeigt werden. Manche schauen trotzig, gar nicht wenige lächeln, als solle dieses Porträt die Kommode schmücken, manche zeigen Spuren von Gewalt: geschwollene Lippen, blutige Abschürfungen. Manche blicken misstrauisch, andere verständnislos (was geht hier vor), einige wenige sind geblendet von der Sonne. Alte, Junge, Kinder. Männer und Frauen. Hübsche und weniger schöne Menschen. Diese fotografierten Gesichter. Aus jedem spricht ein Leben. Ein Leben wollen. Kraft und Potential. Individualität, Einzigartigkeit. Alle wurden innerhalb einiger Wochen nach dieser Aufnahme ermordet.

Das persönliche Gesicht dieser Menschen ist schwerer zu ertragen, erschreckt tiefer als jedes Folterwerkzeug oder die inszenierten Blutflecken auf drei Zellenböden.

1994 hat ein (australischer) Fotograf den ‚Fotografen‘ von Tuol Sleng ausfindig gemacht. Unbehelligt lebte er in einer der Roten Khmer Hochburgen nahe der thailändischen Grenze. (mehr erfahren, hier klicken…)

20.000 Menschen sind innerhalb von vier Jahren in diesem Lager gewesen. 14 Menschen haben lebend die Befreiung durch die (ebenfalls kommunistischen) Vietnamesen erlebt, 7 von ihnen starben unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen ihrer Folter oder Haft. Einer von Ihnen, ein junger Mann 1979 ist heute unser Führer, erfahre ich jetzt. Ein anderer Überlebender ist der Maler Vann Nath, dessen Gedächtnisbildern wir Einzelheiten über die Praktiken im Lager verdanken. (mehr über Vann Nath und seine Geschichte, hier klicken…, oder hier…)

Einige Stunden braucht jeder von uns für seinen Rundgang. Wir treffen uns im Hof, einem aufgeräumten Schulhof mit sauber angelegten Wegen und von Banken oder Tourismusfirmen gestifteten Bänken. Wir sitzen eine Weile. Nein, wir werden nicht zu den Killing Field hinaus fahren. Das verkraften wir heute nicht mehr. Tatsächlich werden wir es überhaupt nicht mehr tun. Ein Grund ist vielleicht, dass jeder Tuk-Tuk Fahrer uns dorthin fahren möchte, wie nach Angkor Wat oder zum Sonnenuntergang ans Meer… (Julia erzählt uns in Laos, dass wie Angkor auch die Killing Fields an eine touristische Betreiberfirma verkauft seien)

Weil unser Visum für Laos auf Grund eines völlig unerwartet eintreffenden Wochenendes länger dauert und wir noch ein paar Tage in Phnom Penh bleiben müssen, ziehen wir um. In ein Boutique-Hotel nahe dem Unabhängigkeitsdenkmal mit einmalig schön eingerichteten Zimmern und einem Balkon. Wir wollen uns ausruhen und wohl fühlen und das geht hier super gut. In den kommenden Tagen bleiben wir meist in der Nähe des Hotels, schmieden Pläne, lesen und schreiben. Weil T-Shirts und auch die ersten kurzen Hosen durch sind, gehen wir an einem Tag shoppen. Robert fühlt sich durch Angebot und Präsentation an ‚Ostzeiten‘ erinnert. Fast an jedem Stand gibt es die gleichen Waren. Vom Obergeschoss der zentralen Shopping-Mall hat man aber einen wunderbaren Blick über die Stadt. Hier oben gibt es auch eine Rollschuhbahn. Die weniger Begabten drehen langsame Kreise in der Mitte. Am Rand, wo es auch Hindernisse gibt, proben die Erfahrenen. Den Vogel schießt ein voll aufgetakelter und hell geschminkter Ladyboy ab. Er übt nur eine Figur. Immer wieder. Rückwärts mit einem komplizierten Sprung. Erst gegen Ende dieses Tages finde ich eine Hose, die mir passt und gefällt.

Auch am nächsten Tag besuchen wir noch einmal diesen Stand. Zielstrebig mit dem Tuk-Tuk hin und zurück. Ihr wisst schon! […] Oder nicht? […]Wir laufen wieder mit denselben Hosen rum…

Auch in Phnom Penh sehen erleben wir am frühen Abend wieder ‚Volksgymnastik‘. Zu mehr oder weniger passender, in jedem Fall aber energetisierender Musik hüpfen Groß und Klein auf Plätzen im gleichen Takt. Besonders schön erleben wir dies am letzten Abend am Tonle-Ufer. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, scheint es. Einige hundert Meter weiter drängeln sich hunderte vor einem kleinen Tempel um zu Opfern und Verdienste zu sammeln Straßenkinder laufen mit kleinen Feuerschalen in den Händen umher und geben den Gläubigen Feuer für die Räucherstäbchen. Vorbei am Minesterium für Religion und Kult laufen wir nach Hause, berühren im Vorbeigehen die Brücke auf der vor ein paar Wochen Hunderte bei einer Massenpanik ums Leben kamen.

Von Phnom Penh fahren wir zu unserer letzten Stadt in Kambodscha. Kratie liegt auf unserem Weg in den Norden, nach Laos.

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