Aufbruch, Myanmar
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Mandalay 2 (Myanmar)

31. Januar 2011 Mandalay

Heute haben wir kein Programm. Es tut gut immer wieder Pausen einzulegen. Nach dem Frühstück genießen wir die kleine Dachterrasse, trinken viel Wasser und schreiben. Später wollen wir raus und leihen Räder in einem kleinen Shop gegenüber. Die Räder sind gemütliche und bequeme und funktionieren bis auf die Stangenbremsen gut. Wir fahren aber auch nicht allzu schnell.

Unsere erste Fahrt bringt uns zu einem Friseur, denn wir brauchen beide einen Haarschnitt. Wir parken unsere Drahtesel in Reihe mit den Mopeds modebewusster Jugendlicher, die ihr Styling auf Vordermann bringen wollen. Der Salon hat etwa zwanzig Schnitt und drei Waschplätze und an jedem Platz arbeitet ein Friseur. Wartezeiten gibt es nicht. Die Friseure sind so jung wir ihr Publikum und haben ihr Handwerk wirklich drauf. Weil mein Hairdresser kein Englisch spricht, machen wir alles in Zeichensprache: Er deutet an, zeigt Scheren und Klingen, mir bleibt ja oder nein. Und der Schnitt wird besser als bei manchem, mit dem ich viele Worte wechseln konnte. Ein Wort Englisch spricht er aber doch: ‚beautyful‘. Und damit entlässt er mich und wir beide strahlen. Es ist dieses freundliche Entgegenkommen, das mich immer wieder angenommen fühlen lässt, die Achtung voreinander und der Stolz auf die eigenen Fähigkeiten.

Eine Paya, ein altes Teakkloster und den Palast wollen wir noch sehen. Mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren ist ihr ein Stück näher sein. Ich genieße das sehr. Schön ist Mandalay nicht. ‚Schön‘ sind ihre Menschen,  die Stadt ist ‚interessant‘. Eigentlich wollten wir durch das Gelände des alten Königspalastes fahren, das immense 3×3 km misst, um dem Verkehr und Smog zu entkommen, Touristen dürfen aber nur den östlichen Eingang benutzen und der liegt genau auf der anderen Seite. Ein Soldat stoppt uns, ein Schild weist auf das Verbot ebenfalls hin. Vorm Weiterfahren fasst der Soldat noch über die Mähne an Roberts Bein und amüsiert sich köstlich.

Es kommt der Hunger und da wir gerade am Ko’s Kitchen, einem empfohlenen Thai-Restaurant vorbeikommen gehen wir essen. Thai ist eine willkommene Abwechslung im burmesisch-chinesischen Einerlei und das grüne Curry ist fast so gut wie in Berlin. Es handelt sich allerdings um ein Restaurant der gehobenen Preisklasse und so werden wir tiefgekühlt. Nach vier Monaten Asien bin ich doch schon soweit adaptiert, dass ich ab 22,23 Grad anfange zu frieren. Allerdings gehe ich noch nicht bei 25 Grad in Jacke, Mantel und Socken wie das die Einheimischen tun. Was uns wie Sommer ist, ist hier der Winter.

Das Shwenandaw Kyaung ist so beeindruckend, dass wir eine japanische und eine burmesische Gruppe kommen und gehen sehen. Am Eingang müssen wir unsere Government-Tickets zwei Damen zeigen, die so gar nichts herzliches haben, in einem Glashaus sitzen und mich immer wieder an DDR-Besucherbüro-Angestellte erinnern. Diese Wesen aus einer anderen Welt kennen wir schon von der Einreise. Sie scheinen so gar nicht in dieses lächelnde freundliche Land zu passen.

Komplett aus Teakholz gebaut und bis unters Dach mit feinen Figuren beschnitzt, ist dies ein Beispiel klassischen Klosterbaus. An den von Regen geschützten Bereichen der Außenwände sind noch Reste der Goldfassung zu erkennen. Im Inneren ist sie komplett erhalten oder restauriert. Auf einem mit Glasmosaiken gestalteten Altar sitzt ein freundlicher goldener Buddha. Hier gibt es keine blinkenden Lichterketten, aber hier gibt es auch keinen lebendigen Kult. Dieses Kloster, früher ein weltlicher Teil des Königspalastes, ist heute ein Museum. Doch seine Schönheit, das Handwerk der filigranen Schnitzereien berührt. ‚Do not touch‘ steht an den Wänden, doch unsere nackten Füße berühren das alte Holz.

Eine ganz andere Erfahrung machen wir in dem benachbarten Atumashi Kyaung: Von außen hübsch fühlt es sich innen an wie der Palast der Republik, dessen Abriß ich nach wie vor bedauere – eine ästhetische Meisterleistung war er nicht. Eine riesige Halle mit in die Holz-Decke eingelassenen Scheinwerfer. Hinter einem neuen goldenen Buddha ist eine bedruckte LKW-Plane gespannt, die einen Alten Bodhi-Baum zeigt. Es handelt sich um eine Rekonstruktion eines 1857 von König Mindon erbauten Klosters, das vor ein paar Jahren von Inhaftierten wieder aufgebaut worden ist.

Mehr militärische Präsenz als wir bisher mitbekommen haben erfahren wir auf unserem Weg zum Palast. Mit Ausnahme des Bereichs der rekonstruierten Palastanlagen (die Originale sind in WW2 zerstört worden) und des östlichen Zufahrtweges ist das gesamte Palastgelände Sperrgebiet. Auf unserer langsamen Fahrradfahrt durch den Korridor sehen wir links und rechts militärische Einrichtungen. Ob es sich um eine erweiterte Kaserne, einen Stützpunkt, Geheimdienst-Knast oder alles zusammen handelt – wir wissen es nicht. Dieses Gelände, 3 auf 3 km groß, überwiegend bewaldet von einer meterdicken Mauer und einem Wassergraben umgeben, ist ideal für alles was man verstecken oder schützen will. Wir fahren langsam und schwupps haben wir einen ebenfalls radelnden Begleiter in Uniform, der uns erst am Palst wieder verlässt. Zufall? Wir haben kaum erwartet, dass der wieder aufgebaute Palst großartige Aura ausstrahlen würde und das tut er auch nicht. Alles wirkt wie ein von ein paar Jahren angelegtes Faller-Dörfchen. Fast keine Menschensseele und nur sehr wenige Touristen sind hier zu sehen. Das Museum lassen wir (nicht nur Robert zuliebe) aus.

Heute wollen wir den Sonnenuntergang von der kleinen Dachterrasse unseres Hotels aus sehen. In Mandalay ist Rush-Hour und die Fahrt ist ein echtes Abenteuer. Aber irgendeiner bremst immer. Nicht immer wir.

Auch in Mandalay sehen wir einen funkelnagelneuen Toys-Speilzeugladen und einen Monument-Bookstore. Auch hier viele Geschäfte für elektronischen Lifestyle. Lastwagenweise Fernseher werden in die Läden gekarrt. Vielleicht will das Regime sich beim Volk ‚bedanken‘, sich einschmeicheln nach der Wahl, in der Hoffnung vielleicht irgendwann einmal wirklich legitim zu werden. Und wirklich, man kann in den Städten eine schnelle Dynamik der Entwicklung erkennen. Das mag manche kritische Stimme besänftigen.

Die Sonne verlässt uns für heute rot glühend hinter einem Baum und damit tut sich wieder die Frage auf: Was und wo essen. Bis auf die letzen Wochen hatte ich mir nie vorstellen können, was Robert von Nepal berichtete: Wie anstrengend diese Frage sein kann – Was nur essen? Doch heute haben wir es leicht. Es ist unser letzter Abend in Mandalay und wir waren noch nicht am Chapati-Stand, der in jedem Reiseführer steht. Der ist nur zwei Blocks entfernt. Wir essen auf der Straße Fried Chicken, Mutton Curry und vier Chapatis. Die Chapatis werden von sieben Menschen hergestellt. Die Kette beginnt mit zwei großen Blechschüsseln, in denen ein junger Mann mit den Fäusten und unter Einsatz seines ganzen Körpers aus Wasser und Mehl den Teig knetet. Drei Frauen an einem Holztisch rollen im Akkord und ohne Unterbrechung kleine Teigbällchen zu den hauchdünnen Fladen. Drei sehr junge Männer (13-15) backen die hauchdünnen Brote (ja!!!) auf heißen Eisenplatten und werfen Sie dann den Kellnern zu, die sie an die Tische bringen. Eine leicht indisch angehauchte Dame in einer rosafarbenen Jacke steht leicht erhöht, dirigiert die vielleicht 15 Angestellten und prüft, das alles funktioniert. Kinderarbeit? Heute Abend empfinde ich anders. Diese Jungen haben einen Ort, an den sie jeden Abend gehören und eine Arbeit, die sie stolz macht. Ich habe gesehen, wie es hier aussehen kann nichts zu haben, nichts zu sein… Als wir gehen zahlen wir zusammen weniger als für eine Currywurst mit Pommes. (Nein, trotz allem Asia Essenüberdruss, das möchte ich jetzt auch nicht essen. Aber ein deftiges Brot mit Butter und einem feinen Schweizer Käse? Und Salat! (OK. Käse!) Und morgen früh gehts nach Bagan.

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