Aufbruch, Myanmar
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Bagan (Myanmar)

1. – 5. Februar 2011

Schon vor der Busfahrt wird der Toilettengang zu einem Abenteuer. Schon seit Laos trage ich auf Busfahrten immer Schuhe und das ist auch jetzt von Vorteil. Der heftige Ammoniak-Geruch weist den Weg und eine bestochene Vorstellungskraft versucht die 15mm Flüssigkeit am Boden für Wasser zu halten. Der Bus aber ist komfortabel für einen ‘local’. Bequeme Sitze und eine weiche Federung.

Nach den Sitzen werden wieder alle Gangplätze vergeben. Es geht so eng zu, dass die Burmesen auf den kleinen Plastikhöckerchen wie Dosenfisch Kopf an Rücken kleben. Aber keiner murrt. Die meisten sind noch müde und wollen schlafen, was in dieser Haltung auch gut gelingt.

120 km in acht Stunden, so steht’s im Plan – das kann nur an der Straße liegen. Ich vermutete wieder Berge. Aber geirrt, der Weg ist eben, nur eben keine Straße, sondern eine Piste und so hoppeln wir den ganzen Weg durch eine trockene und staubige Landschaft, die, so weit wir sehen können, komplett landwirtschaftlich genutzt wird. Zweimal passieren wir eine aus roter Erde aufgeschüttete Trasse, die sich, soweit wir blicken können, in die Tiefe der Landschaft erstreckt.. Großbaustelle. Hier entsteht wohl ein neuer Highway und unser Hoppelweg wird vielleicht bald kein Tourist mehr zu sehen bekommen.

Im Bus ein Auf und Ab aus Lachen und Spaß haben, Schlafen und Essen. Auch wir machen abwechselnd ein Nickerchen und kommen erstaunlich erholt in Bagan an. Am Eingang müssen wir unsere $10 zahlen, unser Ticket in alle Sehenswürdigkeiten der Region, hier gibt es auch einen Plan (fürs Radfahren) und einen Reprint von George Orwells ‚Burmese Days‘.

Der Bus hält nur für uns knapp vor unserem Hotel. Wir steigen im May Kha Lar Guesthouse ab, im Ortsteil Nyaung U. Bagan teilt sich in Old Bagan, New Bagan und Nyaung O. Der Ortsteil, in dem wir schlafen, liegt zwar am weitesten von den meisten historischen Tempeln und Pagoden entfernt, bietet dafür aber die meisten günstigen Übernachtungsmöglichkeiten und das breiteste Angebot an Essen. Wir hatten reserviert, werden erwartet und bekommen wieder ein hübsches Zimmer. Mit Badewanne und Deutsche-Welle TV Asien – Nachrichten in deutscher Sprache – herrlich.

Nach dem Essen gehen wir ein wenig durch den Ort und wissen gleich – hier wird es uns gefallen, hier werden wir uns wohlfühlen. Anders als die Millionenstadt Mandalay ist Bagan sehr entspannt und doch auf Touristen gut vorbereitet. Viele Restaurants reihen sich an der kaum befahrenen Straße. Die Menschen sind freundlich und wirken entspannt. Viele Touristen sehen wir noch nicht. Sie sind noch draußen bei den Tempelruinen. Wir passieren einen kleinen Modeladen, direkt daneben gibt es einen ‘Fancy Betel Shop’, bunt bemalt mit fröhlicher Musik. Die Berliner Entspechung wäre eine fetzige Szene-Curry-Wurst-Bude in Prenzelberg. Bisher haben wir allerdings nur von einem Reisenden gehört, der Bettel probiert hat (und es schrecklich fand).

Nach dem Essen besuchen wir kurz vor Sonnenuntergang die Swezigon Paya. Dort werden wir schnell von einem etwa 12-jährigen rauhen Mädchen, Mirka, adoptiert, dass uns herumführen und etwas Geld verdienen möchte.

Das beeindruckendste Bild des Abends ist ein Mönch, der vor einem liegenden Buddha in vollkommener Haltung meditiert. Er scheint ganz wach und doch ganz bei sich und hat eine faszinierende Aura. Robert ist so beeindruckt, dass auch er heute wieder meditieren möchte. Zum Sonnenuntergang klettern wir auf einen alten zweistöckigen Tempel aus Klinkerstein. Er hat zwei enge symmetrische Treppenhäuser, durch die man in die zweite Etage gelangt. Hier steht ein mächtiger aber ebenfalls etwas verfallener Buddha, und von den Terrassen hat man einen herrlichen Ausblick auf den Fluss und den Sonnenuntergang.

Am folgenden Tag machen wir unsere erste Tour zu den Ruinen. Die Fahrräder sind mittelmäßig, aber es geht. Unsere Verdauung ist noch nicht ganz in Ordnung, bekommt im vom Lonely Planet empfohlenen vegetarischen Restaurant aber noch eins drauf: das Essen, auf das wir beinahe zwei Stunden warten, ist kalt und beschert uns in den kommenden Tagen ordentlichen Durchmarsch.

An manchen kleineren Ruinen sind wir bis auf ein paar Händler fast allein, an anderen drängeln sich die Massen. Die Könige Bagans haben während einer 230 jährigen Periode mehr als 4400 Tempel in diesem Flussgebiet erbauen lassen. Bei dem Erdbeben von 1975 sind leider viele Tempel und Stupas zerstört worden. Seither wurde vieles wieder aufgebaut und rekonstruiert. Fast alle Statuen sind neu und aus Beton. Einige alte finden wir in den größeren Anlagen und die beeindrucken uns genauso, wie die Wandmalereien, die wir hier und da im Licht der Taschenlampe entdecken können.

Überall gibt es Händler, die versuchen mit den Touristen wenigstens ein kleines Geschäft zu machen. Häufig  bieten sie Malereien mit Sand und Farbe, die immer wieder dieselben Motive zeigen. Sie tun uns leid, denn es scheint mehr Händler als Touristen zu geben – nur selten gelingt ein Geschäft. Aber alle sind sehr freundlich und eigentlich keine Krämernaturen, wie wir sie später in Indien erleben werden. Als mir zum Ende eines Tages wieder ein junger Mann zuruft ‘Want to see my pictures?’ und ich antworte ‘No, sorry, I’ve seen so many’ kommt einfach ein ‘I understand!’ zurück. Ich bin beeindruckt und gerührt.

Unseren ersten Sonnenuntergang wollen wir vom dafür berühmten Shwezanda-Tempel beobachten. Wir kommen früh und außer ein paar Japanern, die ihre Stative und Nikons mit riesigen Objektiven wie Waffen in Position bringen, ist wenig los. Wir genießen die Aussicht über die herrliche Landschaft, in der das wärmer werdende Sonnenlicht ein Bündnis mit dem roten Backstein eingeht, aus dem die früher einmal verputzten Tempel gemauert sind. Doch dann werden immer weitere Busladungen Touristen aus allen Winkeln des Geländes abgesetzt und erklimmen die steile Treppe auf die oberste Plattform. Geschiebe und rücksichtsloses Gedränge sind die Folge. Wir haben darauf wirklich keine Lust und treten den Heimweg an, bevor die Sonne den Horizont erreicht hat.
Den folgenden Tag müssen wir etwas kürzer treten und machen nur einen kurzen Ausflug. Wir haben beschlossen, unsere Durchmärsche als tiefgreifenden Reinigungsprozess und ein ‘Loslassen’ zu betrachten und sind recht locker damit. In den verbleibenden Tagen haben wir aber noch genug Zeit mit dem Fahrrad kreuz und quer durch das Gelände zu fahren und berühmte und weniger berühmte Bauten zu sehen. Mitten im Sand erinnern wir uns an die Dünen von Maspalomas, die wir beiden so sehr lieben.

Wir essen immer im selben Lokal, weil wir wissen, dass uns das Essen bekommt und es hier selbst gemachten Yoghurt gibt, dessen Bakterien unseren geschundenen Darm wiederbeleben sollen.

An den weiter entfernten Gubyauknge und Myinkaba Paya treffen wir auf einen Berliner älteren Jahrgangs, der seit über 30 Jahren auf ein Auto und anderen größeren Luxus verzichtet, um jedes Jahr im Winter zu reisen. Sein Credo, wenn ihn die Altersdemenz packen sollte, muss er sich später im Altersheim nicht langweilen, sondern kann viele interessante Geschichten erzählen. Auch er hat gerade einen schwachen Darm. Stellt Euch mal vor in Berlin mit einem fremden Passanten Eure Verdauung zu diskutieren. Hier ist das gar nicht so ungewöhnlich, denn viele haben dieselben Probleme. Wir wünschen uns gegenseitig viel Gesundheit und setzen unsere Tour fort.

Abschied von Bagan nehmen wir von einer kleineren Stupa aus, wo sich zum Sonnenuntergang weniger Touristen drängeln. Wir führen eine nette Unterhaltung mit einem einheimischen Verkäufer, der auf der Suche nach einem alten Handy ist, um das Internet nutzen und seine Bilder online anbieten zu können, wie gerne würden wir ihm eines unserer zu Hause herumliegenden schicken, doch ohne es weiter erklären zu wollen bzw. zu dürfen, meint er, dass das nicht ginge. (Wir sind zu Besuch in einer Diktatur) Wir glauben zwar, dass seine Absichten nicht so rein sind wie sie scheinen – alle brauchen gerade Handys, sammeln Münzen und fremde Scheine, haben die Bilder selbst gemalt – Dennoch, bei unserer nächsten Myanmar-Reise nehmen wir auf jeden Fall genau solche Dinge wie alte Handys mit. Wir werden oft auch nach deutschen Bonbons, Stiften und Shampoo gefragt. Bevor sich unser junger Freund verabschiedet um sich wieder ans Verkaufen zu machen, betet er über seinen Bildern – still und ehrfürchtig. Wir verabschieden uns von ihm und wünschen ihm Glück.

Wir vereinbaren einen Late-Check-Out und ruhen uns vor der Nachtfahrt nach Yangon noch eine Weile aus. Um 17 Uhr ist Abfahrt, die erste Wegstrecke oft holprig und Robert muß sofort wieder pinkeln. In der Nacht fahren wir im komplett überbelegten Bus auf dem Highway, den wir schon nach Mandalay gefahren sind und halten auch wieder an der futuristischen Raststätte.

Bei einem Halt lernen wir einen Mönch kennen, der sich gerne auf Englisch mit uns unterhalten möchte. Seine Aussprache ist jedoch eher selten. Er fragt Robert nach dessen Religion und als er antwortet, er habe keine bricht der Mönch in lautes Lachen aus: ‘Sehr gut! – Keine Religion, sehr gut’ Wir lachen mit. Die Mönche scheinen am ehesten noch zu wissen, dass der Buddhismus eigentlich eine Philosophie ist und keine Götter oder Geister kennt. Der vom Volk gelebte Kult – davon sprachen wir schon – ist deutlich anders.

Wir kommen schon um halb fünf in Yangon an. Nach einer guten halben Stunde – es ist noch stockdunkel – erreichen wir zum letzten Mal das White-House-Hotel, das uns mit seinem leckeren Frühstück, seinen beiden freundlichen Inhabern und natürlich unserer neu gewonnenen Freundin Julia in Myanmar zu einem kleinen zu Hause geworden ist.

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