Aufbruch, Indien
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Alappuzha

12.2. – 16.2.2011

Am kommenden Tag fahren wir weiter. Wir vier haben beschlossen gemeinsam die Backwaters von Kerala zu erkunden. Das ist ein riesiges Kanalsystem, das die Engländer hier angelegt haben. Wir fahren mit dem Taxi. Gut zwei Stunden dauert die Fahrt auf der Landzunge zwischen arabischem Meer und einem See, der fast die gleiche Laenge hat wie die Strecke zwischen Ernakulam und Alappuzha.

Die Straße ist gerade und wir erleben abenteuerliche Bremsungen und Überholmanöver. Langsam verstehen wir die Regeln: Hupen ist der wichtige Hinweis auf die eigene Existenz, ‚Hier bin ich.‘ Weitere Bedeutungen regelt der Kontext. Z.B. ‚Ich bin stärker und du musst weichen‘, ‚ich bin jetzt hier und fahre weiter (auf der falschen Seite)‘, ‚ich überhole zuerst‘, etc…

Als wir Alappuzha erreichen sind wir erst einmal erschüttert. Der Ort beginnt dreckig, voll und laut. Die Straße wird immer schlechter und was im ersten Kanal, den wir zu Gesicht bekommen, so alles schwimmt macht keine Lust auf mehr. Doch unser Fahrer fährt immer weiter, 3 km außerhalb des Ortes finden wir schließlich das idyllische Palmy-Lake Resort. Im kleinen Familienresort haben wir einen schönen Doppel-Bungalow in einem von Palmen beschattetem Garten. Der See beginnt noch am Grundstück, zwischen den Palmen hängen Hängematten. Wir sind glücklich.

Viele der Häuser in der Umgebung sehen nach Zweitwohnsitzen reicher Inder aus. Die Backwaters sind eine Haupttouristenattraktion. Viele Inder lassen sich in Hausbooten einen oder ein paar Tage durch die Kanäle schippern. Wie viele, ahnen wir bisher noch nicht.

Zum Abendessen schicken uns unsere Hosts ins Tarft. Der Fußmarsch in die Stadt soll 25 Minuten dauern. Es werden 45 und wir zweifeln mehrfach an der Existenz des Restaurants. Als wir es endlich gefunden haben, erleben wir ein indisches Familienrestaurant, das seinen Wurzeln und Kunden treu geblieben ist und dennoch mit einer englischsprachigen Speisekarte aufwartet. Das Essen ist indisch preiswert und wirklich gut. Als wir fertig sind und keinen Wunsch mehr haben kommt sofort die Rechnung. Der Tisch wird gebraucht. Schon steht eine Gruppe Jungs hinter unseren Stühlen und wartet. Vielleicht würden wir es nicht Warten nennen, der Griff um die Lehne ist schon fest, bevor ich Anstalten mache aufzustehen. Aber wie Tippe und Wolf sagen, ‚Indien ist anders‘.

Zurück in unserem Garten hören wir Vögel und Insekten. Auf der Terrasse und der Wiese davor fliegen Glühwürmchen blinkend, leuchtend. Der Mond ist zu sehen, ein paar Sterne. Nicht ganz so idyllisch ist der Kontakt mit den Stechmücken. Doch dagegen gibt es Coils und lange, helle Klamotten.

13.02.2011

Heute Morgen machen wir eine erste Backwatertour mit dem Stechpaddelboot. Zwei Paare, zwei Boote. Wir sitzen im Schatten, während die Bootsführer in der brütenden Sonne schuften. So machen wir ab und an Pausen, trinken eine Kokosnuss bevor wir in kleinere Kanäle einbiegen. An den Wasserstraßen wohnen Menschen. Die meisten in kleinen, hübschen und nicht arm aussehenden Häusern.

Heute ist Sonntag und überall wird Wäsche gewaschen und Körperpflege betrieben. Mit Wasser, in das ich nicht fallen möchte (was wohl eher zickig als begründet ist) werden Haare gewaschen und Zähne geputzt. Und für ‘untenrum’ steigt man einfach mit Klamotten ins Wasser und macht eine ‚typische Handbewegung‘. Nur Kinder und junge Jungs gehen nackt ins Wasser.

Da werden wir Bleichgesichter also hindurch gerudert. Durch private Badezimmer. Und so fühlen wir uns manchmal doch ein wenig als Eindringlinge. Kaum jemand reagiert auf uns. Vielleicht ist ‚Ignorieren‘ ein Konzept in Indien mit zuviel Mensch, zuviel Nähe umzugehen. Als wir in die kleine Anlegebucht neben unserem Resort zurück kommen, ist Tippe krank. Den Nachmittag verbringen wir ruhig. Robert schläft in der Hängematte. Wundervolle Vogelstimmen verzaubern den tropischen Garten in der Abenddämmerung.

14.02.2011

Am folgenden Tag legen wir eine Erholungs- und Gesund-Werde-Pause ein. Lesen, schreiben, Musik hören. Als es kühler wird machen Robert & ich einen kurzen Spaziergang durch die Siedlung. Alle Menschen, die uns ansprechen, wollen etwas von uns. Meistens Geld. Sogar die Kinder (Coinsammler-Masche). Abends gehen wir, zum zweiten Mal, leider ohne Tippe, ins Tarft.

15.02.2011

Wir haben uns gegen ein großes Hausboot entschieden. Wir müssen nicht im Convoi durch die Backwaters fahren, um auf Deck ein romantisches Dinner einzunehmen. Den Vormittag verbringen wir ruhig. Um 12 startet unser kleines Motorboot. An Deck ist extra für Tippe eine Liege gebracht worden. (Ohne fragen – toll) Bis zum Sonnenuntergang  schippern wir so durch die Backwaters. Der extrem leise Motor ist kaum zu hören. Zum  Lunch am Wasser gibt es  Tali. Besser vegetarisch! Das Essen ist extrem lecker, kaum ist ein Klecks auf dem Bananenblatt kleiner geworden kommt die Bedienung mit der Kelle zum Nachfüllen.Am Nachbartisch isst man indisch, mit den Fingern. Wir bevorzugen den Löffel. Zum Abschied bekommen wir einen Adler auf die Schulter gesetzt (‚fürs Foto‘). Hier ein Haustier nicht viel seltener als bei uns eine Katze.

In den kleineren Kanälen haben wir auch heute das Gefühl in intimen Lebensraum einzudringen. Heute ist ein Feiertag. Menschen waschen sich oder Wäsche. Weiter draußen als mit dem Stechpaddelboot zuvor sehen wir Reisfelder. Große grüne Flächen, die deutlich tiefer liegen als die Kanäle und dennoch auf wundersame Weise nicht voll  laufen .

Den Nachmittagstee ( und -kaffee) nehmen wir in einer urigen kleinen Bäckerei direkt am Wasser ein. Wunderschöne Farben, herrliches Licht. Unsere anfängliche Besorgnis bezüglich der Sauberkeit des Essens erweist sich als unbegründet. Wir vertragen alles gut.

Den Sonnenuntergang erleben wir auf dem großen See.  Weil wir die Grenzen kaum sehen können, wirkt er beinahe wie ein Meer. Der Wind kommt besser voran und es schaukelt kräftig als wir der Sonne entgegen fahren. Schnelle Ruderer ziehen an uns vorbei. Das Tarft hat heute Ruhetag. Wir essen Kekse und Obst. Tippe fühlt sich leider immer noch schlapp. Noch einmal werden wir am frühen Morgen das laute aber wohlklingende Konzert der Vögel erleben. Dann fahren wir in die Berge, Tiger sehen und Elefanten jagen, das ist der Plan!

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