Aufbruch, Indien
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Palolem

7.3.-28.3.2011

Wir fahren mit dem Nachbus von Hospet nach Goa. Unser Ziel: Der Strand von Palolem. Nachts um halb vier werden wir plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Wir sind da. Gut zwei Stunden früher als erwartet werden wir an einer Kreuzung aus dem Bus geworfen. Ein Rikschafahrer fährt uns in fünf Minuten an den nächtlichen Strand. Eine Natrium-Dampf-Lampe erhellt den Standzugang. Es weht ein leichter Wind. Nur das Meer ist zu hören, ansonsten ist es totenstill. Wir laufen, stolpern, den Strand entlang. Vor dem Alexandra-Resort setzen wir uns auf eine Strandliege, dort gibt es wenigstens ein wenig Licht. Hier und da liegen Hunde im Sand, auch sie schlafen. Es ist Ebbe und der Strand wirkt sehr breit. Der Strand ist sichelförmig und gut 2 km lang. Von dort wo wir sitzen, können wir am anderen Ende grüne Lichterketten leuchten sehen. Oft in den nächsten Stunden fällt der Strom aus – dann ist es dunkel und die Sterne beginnen zu leuchten. Gegen Morgen wird es kälter. Als es dämmert und wir besser sehen können, setzen wir uns vor das Fernandez, wo wir die nächsten drei Wochen zu Hause sein werden. Die „Jungs“ träumen noch, das Personal schläft nicht in einem Bungalow sondern im Restaurant auf Matratzen. Gegen sieben steht der erste auf. Wir können sofort einen Bungalow beziehen, allerdings mit eingeschränktem Meerblick. Macht nichts, die Anlage ist schön, ein Innenhof mit grünen Palmen, wir fühlen uns sofort wohl.

Obwohl wir müde sind, probieren wir sofort das Wasser und erkunden den Strand. Bei Ebbe müssen wir ewig laufen, bis wir brusttief im Wasser stehen. Während wir frühstücken sehen wir unseren ersten Delfin. Relativ nahe am Ufer zieht er seine Kreise.

Es ist Nachsaison. Weniger Touristen, günstigere Preise. Einige Resorts wirken bereits ausgestorben. Über die ganze Breite liegt Resort an Resort. Von der einfachen Bambushütte bis zur edlen Anlage aus beschichtetem Flugzeugsperrholz (’nearly concret‘) kann man hier alles finden. Temporär sind aber alle Anlagen. Ein Gesetz regelt, das zur Regenzeit alles wieder abgebaut sein muss. Ende Mai ist Schluss. Im September beginnt dann der ‚Wiederaufbau‘.

Am Strand sehen wir alle Sorten Menschen. Jedes Alter, jede Nation und jeder Grad an Verrücktheit. Das ist das schöne hier – jeder kann sein wer sie oder er sein möchte oder ist. Alles ist friedlich, alles ist in Ordnung. Nur bezüglich zweier Lesben müssen wir von einer Bedienung mal eine sehr dumme Bemerkung hören (wenn der wüsste…) Viele Engländer (die Kricket spielen können und durch die derzeitige Kricket-WM in Indien mit den Einheimischen ein gemeinsames Thema haben), Russen, Skandinavier und Deutsche machen hier ihren Jahresurlaub. Langzeitreisende finden sich eher am südlichen Strandende, wo die Hütten einfacher und billiger sind. Vor allem abends und am Wochenende treffen wir auf viele Inder, meist Männergruppen oder Familien, ganz selten Paare, nie allein. Die Männer stürzen sich nur in Unterhosen bekleidet in die Fluten, mit lautem Gejohle. Die indischen Frauen gehen in kompletter Kleidung ins Wasser.

Der Strand ist voll von Verkäufern. Die meisten verkaufen Schmuck und Tücher, weitere bieten Fuß- sowie Handpflege an oder machen Henna-Tattoos. Ich lasse mir auch eines machen, einfaches Henna, hält nur eine Woche – einfach weil der Kontakt mit der Frau so angenehm war. Sie kommt aus Nordindien und ist getrennt von Familie nur zum Arbeiten in Goa. Hier in der Nähe des Strandes sind alle Unterkünfte für sie zu teuer. Wie beinahe alle Strandverkäufer fährt sie nach Feierabend noch 90 Minuten Bus zu ihrem Schlafplatz.

Gleich am ersten Tag lernen wir auch Ramesh kennen. Er ist 19 Jahre alt und verkauft Strandtücher. Er hat nicht einmal die schönsten Tücher, aber sein breites Lachen und seine traurig-schönen Augen lassen erst Robert und ein paar Tage später mich weich werden. Weil er Hindu ist, fragen wir ihn nach einem guten Ort Holi zu feiern. Daraus bastelt er schnell das Angebot, mit ihm zusammen zu seiner Familie in der Nähe von Hampi zu fahren, (etwa eine Nacht reisen), Platz gäbe es genug im Haus seiner Eltern. Wenn wir nicht mitfahren, würde er auch nicht fahren. Wir begreifen, dass er sich freuen würde seine Freunde wieder zu sehen und der Arbeit zu entkommen, selbst aber die Busfahrt nicht bezahlen kann. Wir überlegen kurz, aber fahren nicht.

Holi, das ist das wichtigste hinduistische Frühlingsfest. Ein paar Tage wird ausgelassen gefeiert und zum Frühlingsvollmond ist dann Höhepunkt und Schluss. (mehr wissen…, noch mehr wissen…) Es wird Bhang (mehr wissen…) geraucht oder getrunken, gesungen, getrommelt, mit Farbpulver und gefärbtem Wasser geworfen. Männer natürlich. Ein wildes ausgelassenes Fest mit Tanz um ein Feuer in dem Holi verbrannt wird. Touristen wird geraten alte Kleidung anzuziehen oder besser gar nicht vor die Tür zu gehen.

In diesem Jahr fällt Holi auf den 19. März, meinen Geburtstag und ich habe Lust etwas mehr davon mitzubekommen. Leider ist Goa nicht der beste Ort um dieses verrückte Spektakel zu erleben. Goa ist überwiegend christlich, und Holi wird vor allem an hinduistischen Orten ausgelassen gefeiert. Doch ein bisschen dieser einzigartigen Energie können auch wir spüren. Am Abend folgen wir dem Klang nicht enden wollender Trommeln und landen im Dorf, wo wir noch nie waren. Niedrige Häuser mit kleinen Gärten. Zwischendurch zeugen immer wieder Farbkleckse am Boden und mit verschiedenen Farben beworfene einzelne Menschen von dem Brauch. In einigen Vorgärten sitzt man still beisammen und das sieht dann eher gesittet aus. Leider finden wir die Quelle des Trommelns nicht und landen wieder auf der Strandstraße. Müde und ein bisschen enttäuscht landen wir im Bett. Das Trommeln hält die ganze Nacht an. Ich setze mich im Dunkeln vor den Bungalow und höre zu, Robert schläft. Das rythmische Trommeln wird immer lauter, fängt an sich zu bewegen und zieht dann in unmittelbarer Nähe vorbei ohne dass ich etwas sehen kann. Inzwischen ist auch Robert wach. Wir folgen den Lauten, erspähen eine Gruppe durch die Büsche. Sie gehen parallel zum Strand. Näher kommen sie nicht. Später beim Joggen sieht Robert sehr bunte und durchgefeierte Menschen freudig ins Wasser hüpfen. Am nächsten Tag kommt wieder eine Gruppe. Sie bringen Musik, zu Essen und ausgelassene Stimmung mit. Und einige sind wirklich ziemlich mit durch. Sogar am Montag noch, dann wird es weniger.

Wir erinnern uns an unsere Frühlingsriten – genauso archaisch und nur mühevoll vom Christentum übernommen. Das Osterfeuer (mehr wissen…) ist eines der noch erhalten gebliebenen Feste.

Ich habe Geburtstag und sogar Geburtstagsgefühle. Ich erlebe diesen Tag so als sei alles speziell für mich gemacht. Das Trommeln der Nacht, das Meer, das Funkeln der feuchten Krebse am Strand, der Sonnenauf- und später der -untergang. Die Freunde und verwandten Freunde gratulieren per E-Mail. Robert schenkt mir Kino, den Film ‚Die Fremde‘ auf dem Computer, den er in den Nächten zuvor herunter geladen hat.  Den sehen wir aber erst in Nepal. Den Abend lassen wir auf der Silent Noise Party, einer Kopfhörer-Disko ausklingen (Bilder sehen, hier klicken…). Im heutigen Goa darf nach 22 Uhr keine laute Musik mehr gespielt werden. Jeder Gast wird daher individuell über einen kabellosen Funkkopfhörer beschallt. Da wir auf unserer Reise zu „Frühschläfern“ mutiert sind, schlagen wir viel zu früh auf der Party auf. Es ist noch nichts los, und so warten wir mit ein paar Bieren im Green Beach ab. Nach Zwölf ist es dann voll, es herrscht ausgelassene Stimmung. Das Gelände ist toll, Meerblick, Tanzen im Sand. Drei DJs legen auf einem Podest gleichzeitig auf. Die Musik ist über drei Kanäle zu hören, die durch rotes, grünes oder blaues Leuchten an jedem Hörer angezeigt werden. Elektro/House, Funk oder Worldmusic. Die DJs scheinen allerdings drittklassig zu sein, die Musik ist schlecht abgemixt, nicht mal Karstadt sondern höchstens Woolworth-Techno und absolut einschläfernd. Wir sind ständig am Hin- und Herschalten der Musik in der Hoffnung auf den Start. Dafür alle halbe Stunde eine fragwürdige Akrobatiknummer am Seil. Das Partyvolk ist dennoch lustig drauf, es macht Spaß ihnen zuzusehen. Und wenn man die Kopfhörer absetzt ist Stille, nur das Meer hört man rauschen, und die Leute singen, trinken und lachen sich an. Die Musik und Müdigkeit treiben uns nach Hause ins Bett.

Vom Nachbarresort beziehen wir Internet (Hurra dem WIFI). Ich arbeite an einem Projektkurs für die VHS und einer Neukonzeption für die Onlineschule. Und natürlich versuchen wir den Blog auf Vordermann zu bringen, wir sind schließlich zwei Monate im Rückstand. Aber immer nur ein paar Stunden am Tag, ansonsten sind Baden, Spazieren gehen, Musik hören, Lesen, Joggen und Meditieren angesagt.

Das Personal im Resort besteht aus Nordindern oder Nepalis. Lohn für einen Inder 5000-6000 Rs/M, dass sind 85-100 Euro, für einen Nepalesen 1200-1800 Rs, das sind 20-30 Euro. Dafür täglich, ohne freien Tag, von 7-23 Uhr arbeiten (16 Stunden, keine längere Pause), 6 Monate ohne Pause und freien Tag fern der Familie – falls es eine gibt. In unserem Resort in Hampi verdienten die Nepali 3000 Rs/M.

Alle sind wild auf Kricket. Jeden Abend wird es am Strand gespielt. Gerade finden die Weltmeisterschaften in Indien statt. Mindestens so aufregend wie Fussball-WM bei uns. Und der Hass-Feind aller Inder, Pakistan (mehr wissen…) spielt auch ziemlich gut. Die Nepalis spielen lieber Fußball. Sie alle nutzen die ‚blaue Stunde‘, die Strandgeschäfte sind gelaufen und der Run aufs Abendessen hat noch nicht eingesetzt. Pause und Spaß für die Fremdarbeiter. Vielleicht auch mal ein ruhiges Zusammensitzen. Bilder aus der Heimat auf dem Handy ansehen oder Kollegen zeigen.

Nordwestlich vom Strand liegt eine unbewohnte Insel. Wenn das Wasser sehr tief steht, kann man sie mit einer kleinen Flussdurchquerung erreichen. Sie wird für Robert zu einem Fixpunkt. Jeden Tag besucht er sie. Hier wächst die Natur einfach wild. Mauern zeugen von Menschenhand, aber das muss lange her sein.

Auf der anderen Flussseite hat ein westlicher Yogi (angeblich 11 Jahre buddhistischer Mönch, 11 Jahre Sadhu) seine Behausung. Er bietet zehntägige Vipassana Retreats und morgens Yoga am Strand zwischen Steinen an. Abends sehen wir öfter eine Frau bei der Gehmeditation. Der Yogi wirkt etwas deplatziert, fremd zwischen all den chicen Indern. Hängengeblieben aus einer anderen Zeit. Viele suchen hier ihr Heil, manche mehr, manche weniger ernsthaft.

Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Brief, den Inga und Jutta uns mitgegeben hatten. Er war an einen Yoga-Lehrer in Palolem adressiert. Bevor wir ihn erhalten hatten, war er schon ein Weilchen durch Indien gereist. Am zweiten Tag machten wir uns auf den Weg unser Versprechen zu halten. Die Yogaschule und Massagepraxis des Empfängers befand sich am anderen Ende des Strandes. Der Empfänger war überrascht persönlich einen Brief mit deutschem Absender zugestellt zu bekommen. Es war Mittag und brütend heiß. Wir wollten weiter, einen abgelegeneren ruhigeren Strand (Patnem) erkunden. Familienfreundlich könnte man sagen. Überwiegend in englischer Hand, kein Grund einen neuen Bungalow zu suchen. Auf dem Rückweg, es ist schon dunkel, erwartet uns der Yogalehrer mit seiner Tochter auf dem Arm an einer Brücke, die wir passieren müssen. Er sagt uns, dass der Brief von einer deutschen Frau stamme, die ihn sehr unterstützt habe, nachdem sein Vater gestorben war und ihm mit einem kleinen monatlichen Betrag die Ausbildung ermöglicht habe. Ein paar Jahre hatten sie nicht voneinander gehört. Im Brief fand er Bilder und eine E-Mailadresse, so dass die beiden jetzt wieder miteinander schreiben können. Er ist total gerührt und wollte diese Freude mit den Boten teilen. Wir sollen vor unserer Abreise noch einmal vorbei kommen und ein Geschenk für die deutsche Frau mitnehmen. Und wir bekommen beide die Hände massiert. Das soll Geschmack auf mehr machen. Wir versprechen einen Termin für eine Massage zu machen. Selbst sehr gerührt gehen wir zu unserem Resort. Ein schöneres Dankeschön für unseren kleinen Botendienst als uns an seinen Gefühlen teilhaben zu lassen, hätten wir uns nicht wünschen können. Ein paar Tage später lassen wir uns mit einer Ayurvedamassage verwöhnen. Und kurz vor unserer Abreise holen wir ein kleines Päckchen ab. Auch für uns hat die Familie zwei kleine Päckchen gepackt: Cashewnüsse und kleine Armbänder aus Holzperlen.

In Palolem lernen wir wie sehr kein Tag dem anderen gleicht. Die verschiedenen Rhythmen von Tageszeit, Mondphasen, Gezeiten überlagern sich und es gibt keine Wiederholung. Obwohl wir ganze drei Wochen an derselben Stelle verbringen, unser eigener Tagesablauf sehr regelmäßig ist, können wir bestimmte Beobachtungen nur an wenigen Tagen machen. Jeder Tag ist neu. An manchen steht das Wasser mittags bis an das Resort – kurz vor der Liege stehen wir bis zum Hals im Wasser. Manchmal laufen wir viele Meter, bis wir knietief im Wasser stehen. Das dies gerade eine Lehre aus der Natur ist – im Himalaja wird das noch einmal sehr deutlich – überrascht mich. Die Wiederholung des immer Gleichen, feste verlässliche Strukturen scheinen eher städtisch, menschliches Bedürfnis und menschliches Konstrukt. Liegt eine Chance darin auch in der Stadt, im Berliner Alltag davon auszugehen, dass jeder Tag neu und immer anders ist?

Mittags ist es sehr heiß aber wir genießen jeden Abend einen langen gemeinsamen Strandspaziergang. Es ist so schön mit anzusehen, dass die meisten Menschen hier glücklich sind. Immer wieder kommen neue, leben ihren Urlaubstraum und sind glücklich. Und wir können zusehends miterleben, teilhaben. Besonderen Spaß machen indische Familien und Jugendgruppen (Männer!). Ohne die westliche Coolness toben sie im Wasser, werfen sich juchzend in die Wellen, bewerfen sich mit Schlamm, spielen Ball, das der Schlüpper nur so schlackert. Westliche Männer zeigen coole Badehosen und aufwendig trainierte Muskeln, spielen sportlich, kreischen und juchzen nie. Das Haar in der Suppe: wo sind und welchen Spaß haben die indischen Mädchen? (wir sehen einige – wir sind in keinem islamischen Land – aber verschwindend wenige…)

Wir würden jederzeit wiederkommen. So eine uncoole Entspanntheit finden wir in Europa nicht. Warum nicht einmal in den Osterferien? Ein Paar aus Karlsruhe, denen wir ‚Der weiße Tiger‘ weiter schenken, hat die Flüge für 200 Euro geschossen.

Nach drei Wochen geht unser Urlaub vom Reisen zu Ende. Jetzt fahren wir nach Indien. Auf nach Varanasi!

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