Aufbruch, Nepal
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Trekken zum Everest Basecamp

Mit einer kleinen 20-sitzigen Propeller-Maschine fliegen wir in gut einer Stunde nach Lukla, das auf etwa 2800 Metern Höhe liegt. Wir sehen keine Piste, als der Pilot zur Landung ansetzt. Die Piste ist kurz und steil, beim Landen bremst die Steigung, beim Start schiebt das Gefälle. Nach wenigen hundert Metern endet die Rollbahn im Nichts.

Vor uns liegen gut 14 Tage wandern. Meist bergauf. Unser höchstes Ziel, der Kala Patar liegt auf 5550 Metern. Weil Wege in den Bergen nie gerade verlaufen, laufen wir die 2700 Meter Höhendifferenz mehrfach hinauf und hinunter.

Unsere erste Pause zur Anpassung an Druck und Sauerstoffgehalt machen wir in Namche Basar, das auf knapp 3500 Metern Höhe liegt. Die letzten zwei Stunden vor Namche reißt eine heftige Steigung unsere Gruppe zum ersten Mal auseinander. Jeder geht kraftsparend im eigenen Tempo. Unser Guide, Ngima, bleibt immer treu an Kims Seite. Der Wind ist schon recht kühl, die Anstrengung schweißtreibend. Wir suchen eine Balance aus Tempo, Steigung und Kleiderdichte. Reißverschluss auf, wieder zu, Mütze auf- und absetzen – das ist wichtig. In Namche bleiben wir zwei Tage. Normalerweise haben Robert und ich bei etwa 3000 Höhenmeter die ersten Anzeichen von Höhenkrankheit. Und tatsächlich hat Robert leichte Kopfschmerzen. Wir kaufen Diamax, ein Medikament, das vorbeugend genommen, Höhenkrankheit vermeiden kann (aber nicht muss). Robert nimmt es gleich, ich fange ein paar Tage später an, als bei mir die Kopfschmerzen durchkommen. Kim ist immun gegen dünne Luft, sie wird bis zum höchsten Punkt nichts spüren.

Den Everest sehen wir zum ersten Mal deutlich von der Welt höchstgelegenem Sternehotel, zu dem wir an unserem Rast- und Akklimatisationstag laufen. Sinnigerweise heißt es Everestview-Hotel; Japaner haben es hier oben gebaut.

Die Landschaft ist wunderschön. Anders als in Europa haben wir hier bis etwa 4000 Höhenmetern Bäume (wenn auch nicht unbedingt Wälder) und bis etwa 4500 Höhenmeter gibt es Büsche und Flechten. Jetzt, im April ist Frühling und überall blühen die Obstbäume und die Rhododendren. Die Yaks, eine Art Kuh, die neben den Mulis und Portern Lasten transportieren, haben kleine zottelige Jungtiere.

Von Namche laufen wir nach Tengboche. Ein Kloster, ein Hotel, zwei Gasthäuser. Wir bekommen ein Dreibettzimmer mit Blick in die Berge. Die Wände bestehen aus Leimholz, das ganze hat den Charme einer Zigarrenkiste. So wird es von jetzt an sein, je höher wir kommen um so einfacher, warnt Ngima. Natürlich behält er recht. Wir kommen am frühen Mittag an.

Auch an allen anderen Tagen laufen wir gegen halb acht los, gegen elf essen wir Lunch und zwischen 13 und 14 Uhr sind wir meist am Ziel. Der Sicht und des Wetters wegen, morgens klar, mit der Sonne kommen nach und nach die Wolken. Später regnet es auch einige Male am frühen Nachmittag. Zwischen 18 und 19 Uhr Abendessen und bald darauf gehen wir schlafen. Anders als in den oft schlecht geheizten Gasträumen, ist es im Schlafsack warm, dünne Luft und Anstrengung des Tages lassen uns früh einschlafen. Nachdem wir die Sonne, super Kaffee und Kuchen (nicht super, aber KUCHEN) genossen haben, nehmen wir am Nachmittag im Tengbocher Kloster an einer buddhistischen Zeremonie teil. Es geht um Schutz und Segen für unsere Reise. Wir das sind die zwei Gasthäuser voller Leute, die im gleichen Rhythmus alle dasselbe Ziel haben: den Kala Patar und das Everest-Basecamp. Auf einem Foto im Gastraum unserer Unterkunft taucht Sabine zum ersten Mal auf. Wir werden sie erst später kennenlernen.

Von Tengboche laufen wir nach Dingboche, mehr eine Ansammlung von Unterkünften als ein Dorf, das in einem Tal auf 4500 Höhenmetern liegt. Hier machen alle wieder zwei Tage Rast um sich zu akklimatisieren. Wir suchen unser Hotel selber aus, der erste Vorschlag unserer Sherpas war einfach zu arg. Die Unterkünfte sind ohnehin alle gleich teuer, etwa einen Euro pro Person und Nacht – irgendeine Regelung des nepalischen Staats – Geld gemacht wird mit dem Essen, Trinken und dem Service. Essen einfachster Imbissqualität kostet ein Vermögen, schlimmer noch das Trinken und wir müssen viel trinken – etwa fünf Liter sind Pflicht. Tee und heißes Wasser sind oft auch das einzige, was wärmt. Trinken, Ruhen, Diamax, Übelkeit und Kopfschmerzen bleiben in Balance. Für Robert und mich ist es ein austarieren. Am Rasttag machen wir eine Tageswanderung nach Chukung auf 4730 Höhenmetern. Hier kommen mehrere Gletscher zusammen. Geröll bedeckt das ewige Eis. Schön mal ohne Gepäck zu laufen. In der folgenden Nacht schneit es. Wir brechen früh auf, die Sonne wärmt die Knochen. Aber schon gegen neun Uhr zieht der Himmel zu und es beginnt wieder zu schneien. Kim und mir läuft die Nase. Der Weg ist wunderschön. Keine Pflanzen mehr, die weißen Riesen dominieren das Bild. Stille und das Weltalter, das Einfache, Elementare berühren uns sehr. Erstmals sehe ich Wolken im Tal unter uns schweben. Trotz dicker Socken und fester Stiefel werden die Füße nicht richtig warm.

Lobuche liegt auf knapp 5000 Höhenmetern. Es pfeift ein eisiger Wind. Unsere Schlafkammern sind komplett neu – frische Zigarrenkiste. Es gibt noch kein Licht – die Solarpanel sind noch nicht installiert. In unserem Zimmer ist es nachts so kalt, dass das Wasser in meiner 1-Literflasche gefriert. Körperhygiene fährt bei diesen Temperaturen und den vorhandenen Einrichtungen gegen Null. Beim Aufstehen ein Ringen mit der Zeit, schnell die weiteren Schichten anziehen – einschließlich Daunenjacke – dann den Rucksack packen. In den Toiletten ist das Wasser gefroren. Leitungen gibt es nicht. Geschöpft wird aus Fässern – auch hier Eis.

In Lobuche lernen wir Sabine kennen. Sie hat einen Guide und einen Porter für sich alleine. Ihr Guide redet allerdings mehr über sich selbst, als das er eine echte Hilfe wäre. Wir haben Glück mit Ngima. Zu viert machen wir einen kurzen Spaziergang, sobald wir aber etwas höher kommen, bläst uns der eisige Wind zurück ins Tal. Laufen wird immer anstrengender, je mehr wir an Höhe gewinnen. Hier bedeutet jeder Schritt einen tiefen Atemzug. In den letzten Tagen sind auch unsere Schritte immer langsamer geworden. Robert und ich haben kaum Appetit und laborieren an der ‚tiny-little-headake‘-Grenze. Wir entscheiden uns noch einen Tag länger zu bleiben um uns etwas mehr Zeit zum Akklimatisieren zu lassen. Es ist der neunte Tag unseres Treks, als wir nach Gorak Shep aufbrechen. Der zusätzliche Tag bringt Sonnenschein und gute Sicht. Wir treffen Sabine. Bei ihr haben Kopfschmerz und Übelkeit so weit zugenommen, dass sie sich traurigen Herzens entscheidet abzusteigen. Vernünftig, mit Höhenkrankheit ist nicht zu spaßen. In den Lodges haben wir eine grün- oder violett-gesichtige Gestalt gesehen, die die eigenen Fähigkeiten falsch eingeschätzt hatte. Eigentlich ‚DER‘, denn es waren immer Männer. Wer dann nicht sofort absteigt, kommt selten aus eigener Kraft, sondern auf dem Rücken eines Mulis herunter. Kein schöner Anblick…

Gorak Shep liegt auf 5200 Metern. Es macht einen sehr viel freundlicheren Eindruck auf uns als Lobuche. Mittlerweile sind Ngima, Kim und ich ziemlich erkältet. Am schlimmsten hat es unseren Guide getroffen. Noch am selben Tag steigen wir weiter auf zum Everest-Basecamp. Für mich wird es zum emotionalen Tiefpunkt. Launen gibt es unter diesen Bedingungen schon lange nicht mehr. Alles dient dem Erhalt. Oben kann ich mich kaum freuen, so erschöpft bin ich. Vor dem Gedenkstein findet gerade eine Hochzeit statt als wir ankommen.

Mit Worten kann ich das Erleben auf dem Dach der Welt kaum beschreiben. Gigantisch, atemberaubend, reduziert auf Himmel, Eis und Stein, etwas unaufgeräumt wie es auf Dachböden manchmal der Fall ist. Auch unser Leben ist reduziert auf warm bleiben, essen, viel schlafen, laufen, schauen, glücklich und auch mal am Ende sein…

Am kommenden Morgen wollen wir um 5 Uhr noch im Dunkeln los gehen, den Kala Patar besteigen. Es wird etwas später, das Wetter ist schlecht. Es wird dann plötzlich besser. Der Aufstieg ist steil und auch ohne Gepäck sehr anstrengend. Bei Sonnenaufgang sind wir aber hoch genug um das Spektakel um den Everest miterleben zu können. Der eigentlich hässliche Riese bekommt eine gleißende Krone. Kim muss wenig später aufgeben. Ihre Hände sind so kalt, dass sie sie nicht mehr bewegen kann. Wir haben noch 90 Minuten Aufstieg vor uns. Schritt für Schritt. Robert ist vorn. Ich bin nicht sicher, ob ich oben ankommen werde. Schritt für Schritt. Ich schaffe es. Heute kann ich es auch in vollen Zügen genießen.

Wieder in Gorak Shep treffen wir eine Entscheidung. Wir steigen ab, wir verzichten auf den Pass und Gokio, vier weitere Tage auf dieser Höhe und in dieser unsäglichen Kälte. Ngima sagt, der Pass wäre wegen der Schneefälle geschlossen und erleichtert uns damit die Entscheidung. Eine Notlüge, wie wir später heraus bekommen. Verständlich – unser Guide ist richtig krank.

Vielleicht sollten wir hier auch mal über die Menschen sprechen, die das alles möglich machen. Die Sherpas, Guides und Porter (Träger). Alles was hier oben in den Bergen ist, alles Essen, alles Baumaterial für die einfachen Unterkünfte, jede Dose Bier, jede Rolle Keks, jede Rolle Klopapier und jeder Nagel wird von Menschen auf deren Rücken in die Berge getragen. Die Waren werden bis Lukla geflogen und von da an getragen. Es ist unglaublich was diese Träger leisten und wie jung sie oft sind. Expeditionsausrüstungen kommen auch mal auf Muli- oder Yakherden – hier spielt Geld keine Rolle. In Namche treffen wir einen Vater, vielleicht Mitte vierzig, mit Sohn, zwölf oder dreizehn. Stolz erzählt der Vater, dass sein Sohn schon 35 kg trägt, er selbst 65. Die beiden haben Schuhe. Eher die Ausnahme, viele laufen in Badelatschen, weil sie für Schuhe kein Geld haben. Die Porter von Gruppenreisen, die wir sehen, tragen drei Rucksäcke auf einmal in einer Kiepe. Auch das dürften etwa 60 kg sein. Was wiegt ein Fernseher, ein Herd, ein Kühlschrank? Der Verdienst ist sehr niedrig und hängt vom Gewicht ab. Groß gewachsen sind die wenigstens. Wer mit 10 zu schleppen anfängt muss eben mit dem Wachsen aufhören. Es schmerzt zu sehen, dass diese Arbeit den Nepalis selbst so wenig wert ist. Träger bekommen keine Zimmer für die Nacht. Die sind für Touristen. Sie schlafen im Schlafsaal, oft ohne dicke Decken. Eine Daunenjacke oder ein Schlafsack kosten mit etwa 50-100 Euro ein Vermögen, das kaum einer der Träger (zusätzlich zum Unterhalt der Familie) erarbeiten kann. Wir kämpfen sehr dafür, dass unsere stark erkälteten Begleiter ein Zimmer und eine Decke bekommen, nicht immer geht das problemlos. Zimmer und Decken sind dann aber immer auf der kalten dunklen Seite, noch einfacher als unsere. Soziales Oben und Unten scheint in dieser Gesellschaft genauso verankert wie in der indischen. Ngima zeigt uns auf 5000 Metern Höhe einfache Steinhöhlen und selbst gebauten Windschutz, wo noch vor ein paar Jahren Träger geschlafen haben, nachdem sie ihre Touristen und deren Gepäck in den Lodges abgeliefert haben. Nur auf Nachfrage erfahren wir das. Ngima deckelt diese Ungleichheiten. Ekarat, unser Porter, ist da etwas offensiver. Ekarat hat Schuhe, eine dünne Daunenjacke, trägt nur gute 20kg und hat drei Mahlzeiten am Tag. Seine Familie, die zwei Tagesmärsche von Lukla entfernt wohnt, hat er aber schon Wochen nicht mehr gesehen. Wir haben Hochachtung vor diesen Menschen entwickelt, die täglich Fuß vor Fuß setzen, dabei immer wieder lachen oder auch singen.

Von unserm Abstieg will ich Euch nicht mehr so viel erzählen. Wir sind glücklich mit jedem Grad, das es wärmer wird, damit, dass der Appetit langsam wieder kommt, und wir genießen Kopf- und Körperpflege. Die Herzen gehen uns auf, als wir die ersten Pflanzen sehen, erste Büsche, später Bäume. Es ist so schön, nach Eis und Stein wieder Organisches um uns zu haben. Wir nehmen andere Wege und gehen wieder durch wunderschöne Landschaft. Bergab und bergauf, hoch und wieder runter, so wie die Wege hier oben sind. Mengen von Menschen kommen uns jetzt entgegen. Wie voll wird das jetzt dort oben werden? Und wer von denen wird auf einem Muli ins Tal reiten? Wir haben Glück gehabt, mussten nur selten im Gänsemarsch laufen und konnten hin und wieder ein klein wenig allein sein mit den Schneeriesen.

Würden wir es wieder tun? Oder empfehlen, trotz aller Entbehrungen? Eindeutig ja! Nur noch weniger Gepäck und mehr Geld (damit auch mal ein Mars drin ist – wenn auch zu astronomischen Preisen)

In Lukla müssen wir uns zwei Tage gedulden, bis wir einen Flieger bekommen. Wir haben zwar schon gegen 9 Uhr des ersten Tages eine Bordkarte, werden aber immer wieder vertröstet. Der letzte Flieger des Tages muss abdrehen, es ist zu windig zum Landen. Noch einmal in den Bergen schlafen. Ekarat ist schon wieder unterwegs zum Basecamp. Gegen Mittag landen wir in Kathmandu.

 

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